OTS0263 / 27.01.2012 / 19:16 / Channel: Wirtschaft / Aussender: Börsen-Zeitung
Stichworte: International / Wissenschaft


Italiens erster großer Test, Börsenkommentar "Marktplatz", von Kai Johannsen.


   Frankfurt (ots) - Den Finanzmärkten steht der erste große Test des 
Jahres 2012 bevor, und bestehen muss ihn der größte Wackelkandidat in
der Eurozone: Italien. Die Fixed-Income-Investoren warten auf die 
Italiener in der neuen Woche gleich zweimal - einmal, wenn sie zur 
Kasse gebeten werden, weil Italien frisches Geld braucht, und ein 
weiteres Mal, wenn sie den Staat selbst zur Kasse bitten, weil 
Italien Fälligkeiten bedienen muss.
Unmittelbar zum Wochenauftakt ist der Blick schon gen Italien 
gerichtet. Die italienischen Schuldenmanager veranstalten ihre 
reguläre Monatsendauktion. Unter den Hammer kommen Papiere für bis zu
8 Mrd. Euro. Da es jüngst für die Italiener an den Märkten recht gut 
gelaufen ist - wenn auch nicht so gut wie für Spanien - ist davon 
auszugehen, dass das Land die Versteigerung wohl ohne größere 
Schwierigkeiten über die Bühne bringen wird. Sollte das Vertrauen in 
die Zins- und Schuldendienstfähigkeit der Italiener am Montag enorm 
schwinden, wäre das wahrlich ein schlechtes Omen für Mittwoch. Denn 
zur Wochenmitte werden die Italiener noch etwas sehnsüchtiger 
erwartet, denn Schuldentilgung und Zinszahlung sind angesagt. Der 
offenstehende und fällige Betrag ist kein Pappenstiel: Exakt 
25807727000 Euro nebst 5% Zinsen für ein halbes Jahr müssen die 
Italiener dann auf den Tisch legen, um die Anfang August 2001 
aufgelegte Staatsanleihe des Landes zu tilgen. Einen Tag zuvor warten
die Anleger zudem noch auf 7,5 Mrd. Euro aus fälligen 
Geldmarktpapieren. Aber dabei handelt es sich um weitgehend 
rollierende Geschäfte, die bei Italien (noch) nicht weiter 
beunruhigen sollten. Schließlich steht Italien (noch) nicht so mit 
dem Rücken zur Wand wie einst Griechenland im April 2010. Drastischer
Wechsel
Die überwiegende Mehrheit der Marktteilnehmer geht nicht davon aus, 
dass zur Wochenmitte bei der Rückzahlung des Kapitalmarktpapiers ein 
Desaster droht. Italien hat nun seit geraumer Zeit verfolgen dürfen, 
in welch prekäre Lage drei Länder geraten sind, die schließlich in 
Brüssel um Hilfe der Gemeinschaft bitten durften. Italien dürfte 
Vorsorge getroffen haben. Es wird fest damit gerechnet, dass es zur 
Rückzahlung kommt. Alles andere wäre eine faustdicke Überraschung, 
und die würde an den Märkten, die jüngst von einem verbesserten 
Sentiment - insbesondere auf der Primärmarktseite - geprägt waren, 
für einen drastischen Stimmungswechsel sorgen. Die 
Gläubigerverhandlungen in Athen würden sofort in den Hintergrund 
treten. Die Dimension Italien entspricht in etwa Griechenland 
multipliziert mit dem Faktor 6 - zumindest mit Blick auf die 
ausstehende Schuld.
Griechenlands Verhandlungen mit den Gläubigern werden neben Italien 
das zweite zentrale Thema an den Märkten sein, schon allein deshalb, 
weil die Verhandlungen mittlerweile sehr negativ auf ein weiteres 
Land der Eurozone abfärben. Portugal wird arg in Mitleidenschaft 
gezogen. Am Bondmarkt ziehen die Renditen der Staatsanleihen aus 
Lissabon kräftig an. Bei den fünfjährigen Papieren der Portugiesen 
wurde in der gerade abgelaufenen Woche erstmals seit Bestehen der 
Gemeinschaftswährung die Marke von 20% übersprungen. Bei den 
zehnjährigen Sätzen weist der Weg ebenfalls steil nach oben. Bei rund
15% wurde der Rekord in den vergangenen Tagen markiert.
Bei den CDS auf portugiesisches Staatskreditrisiko ist das Bild 
ebenfalls eindeutig. Rund 1430 Basispunkte Spread waren es in der 
abgelaufenen Woche - ein Rekord. Zur Erinnerung: Anfang des Jahres 
und auch noch vor zwei Wochen war es noch ein Spread von rund 1080 
BP. Um dies einzuordnen: Mit diesem Spread-Niveau liegt Portugal weit
vor Venezuela (851 BP) und Argentinien (786 BP) - zwei Ländern, die 
auf der internationalen Schuldnerbühne nicht unbedingt zu den 
solidesten Adressen zählen. Die beiden weltweit schwächsten 
Staaten-Credits finden sich demzufolge in der Eurozone: Griechenland 
und Portugal.
Hinter diesen Spread-Ausweitungen bzw. anhaltend hohen Spreads steht 
nur eines: Sollten die Gläubigerverhandlungen in Athen scheitern, 
droht den Märkten ein chaotischer Default der Hellenen - eine 
Bondfälligkeit steht am 20. März an, etwas Zeit bleibt also noch. An 
den Märkten wird demzufolge befürchtet, dass Athen womöglich zur 
Blaupause für Lissabon wird und damit in Portugal ein ähnliches 
Gezerre zwischen Gläubigern und Schuldner stattfinden wird, das dann 
ein recht ungutes Ende nehmen könnte. Jedes negative Signal, das in 
den kommenden Tagen aus Athen eintrifft, wird demzufolge unmittelbar 
im Portugal-Spread reflektiert.
(Börsen-Zeitung, 28.1.2012)
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