- 25.01.2012, 10:02:41
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Leitl: Berufsakademien könnten Teil der Lösung gegen Fachkräftemangel werden
Töchterle: Duale Ausbildung in Österreich absolutes Stärkefeld
Wien (OTS/PWK051) - Anlässlich einer Diskussionsveranstaltung
mit Wissenschafts- und Forschungsminister Karlheinz Töchterle zum
Thema "Wie viel Wirtschaft braucht die Wissenschaft? - Berufliche
Aus- und Weiterbildung auf Hochschulebene" betonte
Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl, dass Österreich im
Bildungsbereich zwar viel Gutes zu bieten habe, "in Hinblick auf die
aktuelle Situation, insbesondere die künftige demographische
Entwicklung und den Trend zur höheren Ausbildung, im Bereich der
Akzeptanz der dualen Ausbildung aber dringenden Reformbedarf hat". So
werde die Zahl der Lehrlinge in den kommenden 14 Jahren von derzeit
40.000 auf 24.000 absinken. Daraus entstehen ein eklatanter
Facharbeitermangel und die mögliche Abwanderung von Betrieben. "Der
Wirtschaftsstandort Österreich und unsere duale Berufsbildung - als
ein wichtiger Standortfaktor - sind dadurch ernsthaft in Gefahr",
warnt Leitl.
Wissenschaftsminister Töchterle unterstrich, "dass wir uns in
unserem Bildungssystem viel zu sehr an den Schwächen festbeißen und
die Stärken zu wenig schätzen". Als eine absolute Stärke führte
Töchterle die duale Ausbildung an. Auch die heimischen Universitäten
würden vielfach Stärken aufzeigen - "diese Stärken müssen wir weiter
stärken und gezielt ausbauen". Generell sprach sich der Minister
dafür aus, die Universitäten in erster Linie qualitativ und die
Fachhochschulen qualitativ und gerade auch quantitativ auszubauen.
Weiters bekräftigte Töchterle, dass Universitäten vor allem Stätten
der Spezialbildung sind und eine breite Allgemeinbildung als wichtige
Basis bereits im Sekundarbereich angesiedelt sein müsse.
Um dem von Leitl skizzierten Drohszenario entgegenzutreten, "muss
die Attraktivität der Lehre gesteigert und die Möglichkeit der
Durchlässigkeit in den tertiären Sektor gegeben werden", so der
WKÖ-Präsident. Leitl: "Das heißt aber nicht, dass noch mehr
Studierende die Universitäten überrennen sollen. Wir denken vielmehr
an eine Aufwertung der Berufsbildung auf Hochschulebene in Form von
Berufsakademien." Dazu solle - wie im Papier der Sozialpartner
festgehalten - der Bedarf erhoben werden. Bestehende Abschlüsse wie
Meister, Werkmeister oder Diplome von Fachakademien sollen durch die
Berufsakademie in ihrer Sichtbarkeit und damit Attraktivität gestärkt
werden. Zusätzlich soll auf Basis der Abschlüsse von Berufsakademien
Höherqualifizierungen angeboten werden, die mit einem Bachelor
abschließen und auch den Übertritt in den tertiären Bildungsbereich
ermöglichen. Leitl: "Universitäten und Fachhochschulen sollen nicht
zusätzlich belastet werden. Die Berufsakademie wäre als 'dritte
Säule' eine gleichwertige, aber andersartige Alternative."
Voraussetzung für den Einstieg in eine Berufsakademie ist der
Abschluss der Sekundarstufe II, Matura oder
Studienberechtigungsprüfung sind nicht erforderlich.
Die Bedeutung der Lehrausbildung legte Rudolf Strahm, Präsident
des Schweizerischen Verbandes für Weiterbildung, dar. Beim Vergleich
der Jugendarbeitslosigkeit in Europa steigen Länder mit dualen
Ausbildungssystemen, wie die Schweiz, Österreich, Deutschland,
Dänemark oder die Niederlande gegenüber jenen Ländern, die eine
solche nicht anbieten, viel besser ab. Strahm: "Im Durchschnitt der
EU-27 beträgt die Jugendarbeitslosigkeit über 20%, in den genannten
Ländern jedoch nur rund 8%. Wer eine duale Lehrausbildung erfolgreich
absolviert hat, unterliegt einem dreimal kleinerem Risiko
langzeitarbeitslos zu werden." Auch wenn Ökonomen dazu neigen, das
Wirtschaftswachstum ins Zentrum ihrer Betrachtung zu rücken, ist es
doch die berufliche Integration möglichst vieler Erwerbstätiger, die
seiner Auffassung nach dieser Wirtschaftswachstum erst möglich macht,
und hier liege der Betrag der Bildungspolitik. Ein großes Problem
sieht Strahm derzeit noch in der europaweiten Anerkennung der
tertiären Fachhochschulabschlüsse, die noch nicht existiere. "Bei
einer etwaigen Einführung von Berufsakademien in Österreich müsse das
berücksichtigt werden und schon vorab sichergestellt sein, dass die
Abschlüsse zumindest europaweit anerkannt werden", riet Strahm
abschließend.
An der anschließenden Podiumsdiskussion, die gestern im Haus der
Wirtschaft über die Bühne ging, nahmen neben dem Schweizer Strahm
auch Katharina Cortolezis-Schlager (Wissenschaftssprecherin der ÖVP),
Kurt Grünewald (Wissenschaftssprecher der Grünen), Gerald Bast
(Rektor der Universität für angewandte Kunst Wien), Helmut Holzinger
(Präsident der österreichischen Fachhochschulkonferenz) und Thomas
Mayr (GF des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft) teil.
Präsident Holzinger führte aus, dass die Anzahl jener Studierenden,
welche mit einem nichttraditionellen Bildungsweg an die
Fachhochschulen kommen, trotz redlicher Bemühungen und Bewerbung der
Fachhochschulen, stagniere und somit der Bedarf zu überprüfen sei.
Abgeordnete Cortelzis-Schlager brachte das Anliegen der
Berufsakademie in weiterer Folge der Diskussion auf den Punkt:
"Genauso wie unser Bildungswesen im Sekundarbereich II im Kern die
drei Säulen Allgemeinbildende und Berufsbildende Schulen sowie das
Duale System beinhalten, benötigen wir auch Hochschulebene eine
gleichwertige Entsprechung und dies bedeutet, dass wir im Sinne des
Grundsatzes 'kein Abschluss ohne Anschluss' neben den Universitäten
und den Fachhochschulen die Berufsakademie als zusätzliches
Studienanbot benötigen." (BS)
Rückfragehinweis:
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