OTS0014   20. Jan. 2012, 09:00

Krise der Europäischen Währungsunion dämpft weltweite Wachstumsdynamik

Mittelfristige Prognose der Weltwirtschaft bis 2016


Die Weltproduktion wird sich nach 2012 merklich
erholen und mittelfristig um 4,1% pro Jahr zunehmen. Eine
überdurchschnittliche Wachstumsrate prognostiziert das WIFO für die
USA, für die großen EU-Länder in Ostmitteleuropa sowie für die
Schwellenländer, darunter vor allem für China und Indien. Im
Euro-Raum wird die Expansion wegen der Unsicherheit über die
Bewältigung der Zinsen- und Schuldenkrise gedämpft sein, ebenso in
Japan. Die weltweiten Leistungsbilanzungleichgewichte sollten sich
mittelfristig verringern.

Die Prognose geht davon aus, dass die Unsicherheit über die
Bewältigung der Zinsen- und Schuldenkrise im Euro-Raum noch einige
Zeit bestehen bleibt. Daher sollte sich der Wechselkurs des Euro
weiter leicht abschwächen und im Durchschnitt 2012/2016 bei 1,26 $
liegen (Übersicht 1). Der Erdölpreis dürfte, nach einem
konjunkturbedingten Rückgang auf 95 $ je Barrel (Brent) im Jahr 2012,
bis 2016 wieder auf etwa 110 $ steigen. Über den gesamten
Prognosezeitraum wäre Erdöl demnach um etwa 21% teurer als in der
letzten Fünfjahresperiode (102,2 $ gegenüber 84,1 $). Sowohl die
kurzfristigen als auch die langfristigen Zinssätze werden im
Durchschnitt des Prognosezeitraumes auf dem niedrigsten Niveau seit
1945 liegen. Als Folge der außerordentlich lockeren Geldpolitik der
USA sowie wegen der Euro-Krise dürfte das Zinsniveau in den USA um 1
Prozentpunkt niedriger sein als im Euro-Raum (Übersicht 1).

Diese Bedingungen ermöglichen nach Überwindung der
Konjunkturschwäche im Jahr 2012 eine kräftige Belebung der
Weltwirtschaft. Dabei wird angenommen, dass die verstärkten
Sparbemühungen in der EU den Konjunkturabschwung nicht merklich
verlängern, sondern zu einer Beruhigung der Finanzmärkte beitragen.

Übersicht 1 fasst die wichtigsten Prognoseergebnisse zusammen. Die
Weltproduktion wird sich nach 2012 merklich erholen und mittelfristig
um 4,1% pro Jahr zunehmen. Wie in den vergangenen 20 Jahren wird die
Gesamtproduktion in den USA (+2,1% pro Jahr) etwas rascher
expandieren als im Durchschnitt aller Industrieländer (+2,0%), im
Euro-Raum sowie in Japan aber etwas langsamer (+1,4% bzw. +1,6% pro
Jahr). In den sechs größten neuen EU-Ländern in Ostmitteleuropa
sollte die Dynamik mit einer Wachstumsrate von +3,2% pro Jahr
deutlich kräftiger sein als in der gesamten EU (+1,7% pro Jahr).
China und Indien werden weiterhin das höchste Wirtschaftswachstum
verzeichnen (+8,6% bzw. +8,4% pro Jahr). Für die anderen
Entwicklungs- und Schwellenländer prognostiziert das WIFO ein
Wirtschaftswachstum von 4,7% (OPEC), 4,1% (Lateinamerika) bzw. 4,8%
(Afrika).

Der Welthandel dürfte bis 2016 um fast 6% pro Jahr wachsen, nur
geringfügig langsamer als in den 15 Jahren vor Ausbruch der
Finanzmarktkrise. Die Exporte der USA werden mittelfristig stärker
expandieren als ihre Importe. Für die Überschussländer Deutschland,
Japan, China, Russland und die OPEC ermittelt das Prognosemodell
einen umgekehrten Verlauf, also ein höheres Wachstum der Importe als
der Exporte. Die Leistungsbilanzungleichgewichte sollten sich daher
mittelfristig verringern.

Die Prognose wurde mit dem Weltmodell von "Oxford Economics"
erstellt. Ökonometrische Prognoseverfahren implizieren, dass die in
der Vergangenheit beobachteten Reaktionsmuster von Unternehmen,
Haushalten und der Wirtschaftspolitik auf Änderungen ökonomischer
Variabler auch in Zukunft wirksam bleiben. Diese Annahme ist derzeit
besonders problematisch, weil die aktuelle Situation durch Probleme
geprägt wird, welche in der Stützperiode des Modells (seit 1980)
nicht aufgetreten sind. Zu diesen Problemen gehören etwa die
Spekulation mit Credit Default Swaps, ihre Effekte auf das Zinsniveau
von Staatsanleihen und die akuten Schuldenkrisen mehrerer
Euro-Länder, aber auch die verstärkten Konsolidierungsbemühungen
nahezu aller EU-Staaten ungeachtet einer bereits spürbaren
Konjunkturabschwächung.

Nach einer schweren Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise fallen die
unvermeidbaren Unzulänglichkeiten ökonometrischer Prognoseverfahren
besonders stark ins Gewicht. Darüber hinaus sind neue Probleme
aufgetreten, für deren Bewältigung sich die Wirtschaftspolitik auf
keine Erfahrungen stützen kann. Aus beiden Gründen sind die Risiken,
dass die erwarteten Wachstumsraten nicht erreicht werden,
wahrscheinlich höher als die Chancen, dass sie überschritten werden.

Übersicht 1: Entwicklung der Weltwirtschaft - auf der WIFO-Website (
http://www.wifo.ac.at/wwa/jsp/index.jsp?&fid=12 )

Nähere Informationen entnehmen Sie bitte dem WIFO-Monatsbericht
1/2012.

OTS-Originaltext Presseaussendung unter ausschließlicher inhaltlicher Verantwortung des Aussenders.
OTS0014 2012-01-20 09:00 200900 Jän 12 WFO0001 0639




Rückfragehinweis: Dr. Stephan Schulmeister
Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung - WIFO
Tel. +43 1 798 26 01-242 bzw. 0664 500 97 57
Stephan.Schulmeister@wifo.ac.at

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