DER STANDARD-KOMMENTAR "Nur die volle Wahrheit gilt" von Alexandra Föderl-Schmid

Wulff und Wrabetz haben sich selbst und ihre Institutionen schwer beschädigt - Ausgabe vom 7./8.1.2012

Wien (OTS) - Für Christian Wulff und Alexander Wrabetz trifft das zu, was der Philosoph Ludwig Marcuse, in abgewandelter Form, festgestellt hat: Die Wahrheiten lägen oft nicht in dem, was man sage, sondern in dem, was man nicht sage.
Die Position des deutschen Bundespräsidenten lässt sich zwar mit jener des Chefs des Österreichischen Rundfunks nicht vergleichen: Der eine vertritt ein Land, der andere leitet das größte Medienunternehmen des Landes. Aber beide nehmen es mit der Wahrheit nicht so genau und haben damit dem Amt und ihrer eigenen Autorität Schaden zugefügt.
Dass ihr Wort nichts mehr gilt - oder zumindest angezweifelt werden kann -, daran sind beide selbst schuld. Wrabetz hat nach seiner von Nikolaus Pelinka organisierten Wiederwahl zum ORF-Generaldirektor mehrfach versichert: Dass Pelinka Kommunikationschef werde, basiere auf "völlig haltlosen Gerüchten, die jeder Grundlage entbehren". Er berief sich auf Pelinka, der "einen Wechsel in den ORF für sich ausgeschlossen" habe, weshalb "dem nichts hinzuzufügen ist". Das war am 11. August. Zwei Tage davor hatte Wrabetz behauptet: "Im Gegensatz zu anderen Mitbewerbern habe ich nicht mit der Politik verhandelt." Wrabetz kann nicht wie weiland Konrad Adenauer behaupten: Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern? Er muss sich vorhalten lassen, was er gesagt hat. Formal kann er argumentieren, die Frage habe sich nur auf einen Wechsel Pelinkas auf den Posten des Kommunikationschefs, nicht auf den ihm zugedachten Büroleiter-Sessel bezogen. Aber ob er nun diesen oder jenen Job im ORF bekommt, ist - nicht nur wegen der Ausschreibung, in der keine Qualifikationen und genauen Aufgaben beschrieben werden - zweitrangig. Es geht um die Absprachen dahinter und um die Tatsache, dass Wrabetz nicht die volle Wahrheit gesagt hat.
Auch Wulff hat formal die richtigen Antworten gegeben, als es im niedersächsischen Landtag um die Frage ging, wer ihm nun einen Kredit für sein Haus gegeben hat. Aber es war eben nicht die ganze Wahrheit. Und es tauchen immer mehr Unschärfen auf, auch durch seine Äußerungen in seinem letzten TV-Interview, das als Befreiungsschlag gedacht war. So widerspricht Wulffs Bank: Der Kreditvertrag zur Finanzierung seines Hauses sei - anders als vom deutschen Bundespräsident geschildert - nicht bereits im November besiegelt worden. Gravierender sind die Vorwürfe der Bild-Journalisten: Wulff soll in dem Telefonat mit Bild-Chefredakteur Kai Diekmann nicht nur um eine Verschiebung des Berichts über seinen Kredit, wie vom Bundespräsidenten behauptet, gebeten haben. Vielmehr soll er gedroht haben, die Worte "Krieg führen" und "Strafantrag" sollen gefallen sein. Demnach hat Wulff nicht gelogen - aber auch nicht die volle Wahrheit gesagt. Den Wahrheitsbeweis - die Veröffentlichung des Mitschnitts - will der Bundespräsident aber nicht zulassen, was seine Glaubwürdigkeit weiter untergräbt.
Es geht in beiden Fällen nicht um Wortklauberei, sondern darum: Wem kann man was - noch - glauben? Lüge und Anstand sind ein Geschwisterpaar, heißt ein deutsches Sprichwort. Wulff wie Wrabetz haben es an Anstand vermissen lassen. Anstand und Glaubwürdigkeit sind aber Voraussetzung für die Arbeit in der Politik oder im Medienbereich. Beide haben ihre Glaubwürdigkeit und die Reputation ihrer Institutionen schwer beschädigt.

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