"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wie zwei in gegenseitige Geiselhaft geraten sind" (von Frido Hütter)

Ausgabe vom 04.01.2012

Graz (OTS) - Zur Erinnerung: Eine Brandrede des Robert-Hochner-Preisträgers Armin Wolf leitete 2006 den Sturz der damaligen ORF-Generalin Monika Lindner ein. Man zieh sie großer Willfährigkeit gegenüber der damals regierenden schwarz-blauen Koalition. Ein paar Monate später gelang das Kunststück, im Stiftungsrat die Stimmen von SPÖ, FPÖ und Grünen zu bündeln und Alexander Wrabetz an die Spitze des Unternehmens zu bringen. (Der politische Regisseur des Streiches, Pius Strobl, wurde danach Unternehmenssprecher des ORF.)

Auf dem Küniglberg wurde der neue General wie eine wandelnde Freiheitsstatue gefeiert und man wundert sich fast, dass er keine Fackel mit sich trug. Galt Wrabetz auch nicht als Programm-Prophet, so doch als umgänglicher Mensch und ordentlicher Manager.

Nun hat er diesen Nimbus verloren: Politischer Autismus, juristische Fehler und eine undiplomatische Ansage reihen sich aneinander.

Da bestellte er Niko Pelinka zum Büroleiter und musste die Stelle danach ausschreiben. Sie wurde mit der Verwendungs- und Entlohnungsgruppe 16 ausgewiesen, die laut ORF-Kollektivvertrag ausschließlich leitenden Redakteuren zusteht. Und genau das wolle er nicht sein, beteuert Pelinka stets.

Zurzeit unterschreiben Hunderte ORF-Mitarbeiter einen Protestbrief, für den Büroleiterposten gibt es Tausende formloser Bewerbungen (ohne Chance) und ein paar Dutzend, die sehr wohl ernst genommen werden müssen. Womit Wrabetz und Pelinka in wechselseitige Geiselhaft gerieten: Hieße der neue Büroleiter nach Ende der Bewerbungsfrist immer noch Niko Pelinka, würde das einer Volksverhöhnung gleichkommen, die ORF und SPÖ gleichermaßen in horrendem Ausmaß schaden würde.

Übrigens: Seit 1. Jänner gibt es eine neue Fernsehdirektorin, Kathrin Zechner, Sie erinnern sich? Sie ist per Gesetz für Unterhaltung und Information verantwortlich. Dass Wrabetz erst dieser Tage sagte, die Information werde weiterhin ihm unterstellt sein, ist juristisch haltbar, für Frau Zechner aber eine echte Zumutung. So einen Start hat die bewährte ORF-Heimkehrerin nicht verdient.

Eine schauerliche Bilanz: ORF-Image ramponiert, Volkszorn entfacht, Mitarbeiter in Wut versetzt. Wrabetz hätte in der Tat einen Büroleiter gebraucht, der das Gröbste hätte verhindern können. Noch dringender braucht er einen Niko Pelinka, der einsieht, dass allein sein Rückzug den Schaden ein wenig begrenzen kann. Ob er die menschliche Reife für diese strategische Einsicht hat, wird sich weisen.****

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