Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Staat und Religion"
Ausgabe vom 28. Dezember 2011
Wien (OTS) - Israel erlebt dieser Tage eine interessante
Machtprobe, deren Ausgang für das künftige Gesicht des Staates
entscheidend sein könnte. Immer öfter - und vor allem: immer offener
- versuchen ultra-orthodoxe Juden teils mit Gewalt eine radikale
Geschlechtertrennung im öffentlichen Leben durchzusetzen: getrennte
Gehsteige, Verbannung der Frauen auf die hinteren Sitzreihen in
öffentlichen Bussen, Ächtung von aufreizender Kleidung und so weiter.
Nun hat Staatspräsident Shimon Peres zum Widerstand gegen diese
Unterwanderung der liberalen Rechtsordnung aufgerufen: Die gesamte
Nation müsse zusammenstehen, um eine Mehrheit aus den Händen einer
Minderheit zu befreien. Peres hat leicht reden. Der ehemalige
Sozialdemokrat ist, anders als der konservative Premier Benjamin
Netanyahu, nicht auf die Unterstützung der religiösen Parteien für
sein politisches Überleben angewiesen.
Die Sorge um den Vormarsch religiöser Fanatiker fügt sich vor dem
Hintergrund der Islamisierung der arabischen Revolutionen in ein
beängstigend stimmiges Bild, dessen Kernaussage darin besteht, dass
einmal erworbene Freiheiten, seien sie gesellschaftlicher oder
politischer Natur, niemals unumkehrbar sind.
Ein allgemeingültiges Rezept, einen solchen Rückschritt zu
verhindern, gibt es nicht. Es braucht die politischen Freiheiten, um
den Machtanspruch der Religionen zu unterbinden; gleichzeitig haben
Religionen immer wieder eine wesentliche Rolle im Kampf gegen
Diktatoren gespielt (falls sie nicht selbst auf der falschen Seite
der Geschichte standen, was öfter vorgekommen ist, als der Religion
lieb sein kann).
Säkularismus und Glaube sind, auch wenn es seltsam klingen mag, mehr
aufeinander angewiesen, als beiden in stillen Stunden wohl lieb sein
wird. Indem der weltliche Staat den Religionen ausreichend Raum zur
Entfaltung zugesteht, stärkt er seine internen Abwehrkräfte gegen
Bestrebungen, das Recht auf Freiheit und Unversehrtheit des Einzelnen
zu beschneiden.
Der säkulare Staat wiederum, indem er jeden Machtanspruch einer oder
mehrerer Religionen im Keim erstickt, trägt auf diese Weise dazu bei,
den jedem Glauben innewohnenden Totalitarismus im Zaum zu halten.
Das klingt in der Theorie wunderbar, ist in der Praxis allerdings mit
erheblichen Mühen und Rückschlägen verbunden.
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