- 23.11.2011, 10:07:16
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Experten sehen steigenden Bedarf an ÄrztInnen in Österreich Lebhafte Diskussion über drohenden Ärztemangel
Wien (PK) - Auf Einladung des Dritten Nationalratspräsidenten Mag.
Dr. Martin Graf (FPÖ) diskutierten Experten am Dienstagabend im
Abgeordnetensprechzimmer des Parlaments das Zukunftsthema "Droht
Österreich ein Ärztemangel?"
Vor breitem fachkundigem Publikum, darunter die Präsidenten der
Landesärztekammern von Oberösterreich und Salzburg, Dr. Peter
Niedermoser und Dr. Karl Forstner, legte Präsident Graf einleitend
dar, dass er einen Ärztemangel auf Österreich zukommen sehe. In
Anbetracht der von der EU-Kommission errechneten 230.000 Ärzte, die
in zehn Jahren in der gesamten Union fehlen würden, habe der
"Wettstreit um die ÄrztInnen" längst begonnen. "Österreich hat hier
aus mehreren Gründen Wettbewerbsnachteile", erläuterte Graf. Ein
wesentlicher Grund liegt seiner Meinung nach in den
Zugangsbeschränkungen an den Medizin-Universitäten, wodurch nur rund
1150 neue StudentInnen pro Jahr das Studium beginnen können. "Davon
sind auf Grund der Quoten für AusländerInnen nur 75 Prozent
ÖsterreicherInnen, also etwa 860", so Graf. Wenn man dann noch die
StudienabbrecherInnen und jene, die nach dem Studium ins Ausland
gehen und dort bleiben, wegrechne, so sei damit ein Ersatz der
innerhalb der nächsten 20 Jahre ins Pensionsalter kommenden ÄrztInnen
nicht möglich.
Auf Basis dieses pessimistischen Zukunftsszenarios eröffnete die
Obfrau des parlamentarischen Gesundheitsausschusses, Abgeordnete
Dagmar Belakowitsch-Jenewein (FPÖ) die Diskussion. Sektionschef Dr.
Clemens Martin Auer aus dem Bundesministerium für Gesundheit sah
weniger ein Problem in den Ärztezahlen als vielmehr einen Mangel in
bestimmten Fächern bzw. Regionen. Die Zahl der ÄrztInnen sei in
letzter Zeit stark angestiegen, in den letzten zehn Jahren um etwa 25
Prozent, in den letzten zwanzig Jahren gar um 73 Prozent auf aktuell
österreichweit etwa 40.000 ÄrztInnen. Als wesentlich für die Zukunft
erachtete Auer eine Reform bei der postgradualen Ausbildung zum
AllgemeinmedizinerIn bzw. FachärztIn. Hier seien aktuell einige gute
Vorschläge in Diskussion. Bei der bereits mehrmals angekündigten
Ärztebedarfsstudie verwies Auer auf "methodische
Interpretationsschwierigkeiten" zwischen den Partnern der Studie. Sie
sei aber "auf dem Weg".
Der Präsident der Österreichischen Ärztekammer, Primarius Walter
Dorner, beklagte insbesondere die Rahmenbedingungen des Ärzteberufs,
die dazu beitragen würden, dass ein Ärztemangel entstehe bzw. viele
promovierte MedizinerInnen dem Gesundheitswesen nicht nachhaltig
erhalten blieben. Insbesondere nannte Dorner die hohe
Arbeitsbelastung, die Dienstzeiten, die Bürokratie, die langen
Wartezeiten auf Ausbildungsplätze sowie die fehlende
Familienverträglichkeit des Arztberufs während der Ausbildung. Die
Etablierung einer exzellenten Ausbildungskultur sei allerdings auch
eine Bringschuld der ÄrztInnen. "Im Jahr 2020 wird man sich vor
70jährigen ÄrztInnen niederknien, damit sie in ihren Ordinationen
bleiben", rechnet Dorner mit einem Ärztemangel in absehbarer Zeit.
Der Vizepräsident der Ärztekammer des Freistaats Sachsen, Erik
Bodendieck, stellte das Ausbildungsmodell in seiner Heimat vor. In
Sachsen schließt an das sechsjährige Studium direkt eine fünf- oder
sechsjährige Facharztausbildung an. Es gibt keine Wartezeit. Für die
Organisation und auch die Qualität der Ausbildung ist ausschließlich
die Ärztekammer verantwortlich. "Der Staat tut gut daran, die
ÄrztInnen ihre Angelegenheiten selbst regeln zu lassen", so
Bodendieck. Die effiziente Organisation ist für viele österreichische
Medizin-AbsolventInnen ein Grund, die Facharztausbildung in Sachsen
zu absolvieren. Rund 80 ÄrztInnen aus Österreich seien dort ständig
tätig, erzählte Bodendieck. Insgesamt arbeiten mehr als 2000
österreichische ÄrztInnen in Deutschland.
Auch Bodendieck sieht einen steigenden Ärztebedarf, der vor allem
durch die demographische Entwicklung und die steigende
Lebenserwartung der Menschen, aber auch durch die fortschreitende
Spezialisierung im Arztberuf als Folge der wissenschaftlichen
Entwicklung getrieben sei. "Aber die ÄrztInnen haben auch das Recht,
eine Arbeitswoche von maximal 42 oder 45 Stunden zu fordern", so
Bodendieck. Außerdem würden sich die Ansprüche der JungärztInnen
ändern. Viele von ihnen - Frauen wie Männer - wollen auch Zeit für
ihre Familien haben. "Auch das schafft zusätzlichen Bedarf", wies der
Gast aus Sachsen auf die Notwendigkeit von mehr ÄrztInnen hin.
Aus der Sicht des Ökonomen beleuchtete ao. Univ.-Prof. Gottfried
Haber von der Universität Klagenfurt das Thema Ärztemangel. Das
Problem seien die nicht funktionierenden Märkte im Gesundheitswesen.
Zusätzliche Nachfrage nach Gesundheitsleistungen werde als Belastung
empfunden, weil diese Leistungen öffentlich finanziert werden müssen.
Auch auf der Angebotsseite gebe es Probleme, weil das System
Universität danach trachte, möglichst wenige Studierende auszubilden
- ebenfalls aus Kostengründen. Beim Versuch, in dieses System
einzugreifen, ortet Haber Staatsversagen, weil das System nicht
durchgängig funktioniere. Insbesondere die langen Wartezeiten in der
Ausbildung seien für ihn als Ökonom Warnsignale. Auf Grund dieser
Umstände und der stets steigenden Nachfrage rechnet auch Haber mit
dem Auftreten eines Ärztemangels in Österreich. Der Volkswirtschafts-
Professor regte an, Österreich zum Medizin-Exportland zu entwickeln.
Sowohl das Studium als auch die Behandlung in Österreich könne auch
AusländerInnen angeboten werden. Voraussetzung sei dafür allerdings,
die Systeme so zu reformieren, dass von den ausländischen
StudentInnen bzw. PatientInnen zumindest die Kosten abgedeckt würden.
(Schluss)
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