Frauenberger: "Sexualisierte Gewalt aus der Tabuzone holen"

Fachtagung in Wien will sexualisierte Gewalt wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken!

Wien (OTS) - Sexualisierte Gewalt gegen Frauen ist nach wie vor
ein gesellschaftliches Tabuthema. Unter dem Titel "Sexualisierte Gewalt - Selber schuld!?" findet am 3. und 4. November in Wien eine Fachkonferenz statt. Organisiert wird die Fachkonferenz vom 24-Stunden Frauennotruf der Stadt Wien und dem Verein Wiener Frauenhäuser. ExpertInnen beider Einrichtungen stellten in den letzten Jahren ein zunehmendes Verschwinden des Themas in der (fach)öffentlichen Diskussion fest. Die Tagung soll dem Thema wieder mehr Platz in der fachlichen Auseinandersetzung und im öffentlichen Bewusstsein geben. Am Programm stehen Fachreferate und Diskussionen.****

"Wenn es um sexualisierte Gewalt und Vergewaltigungen geht, bestimmen noch immer Mythen und Fehleinschätzungen das öffentliche Bewusstsein", erklärt die Initiatorin der Fachkonferenz, Frauenstadträtin Sandra Frauenberger. Sowohl über Vergewaltigungsopfer und Täter als auch über das wahre Ausmaß von sexualisierter Gewalt gegen Frauen, ihre Ursachen und Folgen gebe es viele Vorurteile, so die Stadträtin.

Beispiele für Mythen über sexualisierte Gewalt

o Aufreizende Kleidung oder aufreizendes Verhalten ist eine Einladung und rechtfertigt sexuelle Übergriffe. o Nur junge, attraktive Frauen werden vergewaltigt. o Vergewaltigungen passieren in erster Linie durch Unbekannte. o Opfer verhalten sich oft leichtsinnig und fordern einen sexuellen Übergriff heraus. o Eine Frau, die "Nein" sagt, meint dies nicht ernst, sie meint eigentlich "ja". o Eine Frau kann, rein anatomisch, nicht gegen ihren Willen vergewaltigt werden; also können nur Frauen vergewaltigt werden, die 'mitspielen'. o Oft beschuldigen Frauen Männer zu Unrecht der Vergewaltigung. Sie zeigen Männer an, um sich an ihnen zu rächen. o Männer, die eine Vergewaltigung begehen, sind krank oder sexuell ausgehungert oder aus anderen Gründen besonders triebstark.

"Solche Aussagen sind falsch und gefährlich. Sie verharmlosen sexuelle Gewalt und ihre Folgen und entschuldigen das Verhalten des Täters. Oft kommt es sogar zu einer Opfer-Täter Umkehr und dem Opfer wird zumindest eine Teilschuld an der Vergewaltigung zugeschrieben. In Strafverfahren mindern solche Mythen die Glaubwürdigkeit der Opfer", unterstreicht die Leiterin des 24-Stunden-Frauennotrufes Barbara Michalek. Solche Mythen würden es Betroffenen außerdem erschweren, über eine Vergewaltigung zu sprechen und diese anzuzeigen.

Frauenberger: "Wir alle müssen uns mit eigenen stereotypen Denkmustern auseinandersetzen. Sexualisierte Gewalt muss thematisiert und dadurch enttabuisiert werden! Und wir müssen betroffene Frauen ermutigen, sich Unterstützung zu holen."

Medienberichterstattung und Strafverfolgung im Focus

Im Rahmen der Fachkonferenz werden auch Medienberichterstattung und Strafverfolgung bei sexualisierter Gewalt kritisch beleuchtet. "Medien tragen eine hohe Verantwortung, wenn sie über ein so sensibles Thema wie sexualisierte Gewalt berichten. Leider aber werden in der Berichterstattung vergewaltigte Frauen immer wieder beschämt, indem ihre Identität bekannt gemacht, über Details der sexuellen Gewalt berichtet oder die erlittene Gewalt verharmlost wird. Oft wird das Opfer schuldig gesprochen, aber auch Beschuldigte werden vorverurteilt. Dies trägt dazu bei, dass vergewaltigte Frauen sich erst gar nicht trauen, Anzeige zu erstatten", kritisiert Andrea Brem, Geschäftsführerin der Wiener Frauenhäuser.

Was die Strafverfolgung betrifft, decken sich die Ergebnisse einer Studie zum Thema "Strafverfolgung von Vergewaltigung in Europa" aus dem Jahr 2009 mit den Erfahrungen des 24-Stunden Frauennotrufes und der Wiener Frauenhäuser:

o Die Dunkelziffer bei Vergewaltigungen ist sehr hoch - nur etwa eine von zehn Vergewaltigungen wird angezeigt. o In Österreich ist der Anteil von Fremdtätern bei den angezeigten Vergewaltigungen sehr hoch - er beträgt 41 Prozent. Frauen scheuen sich davor, den Täter anzuzeigen, wenn er der Partner oder Ex-Partner ist. o Nur 17 Prozent der Anzeigen von Vergewaltigungen in Österreich enden mit einer Verurteilung. Das bedeutet, dass vier von fünf vergewaltigten Frauen erleben, dass die angezeigte Tat nicht sanktioniert wird.

"Gesetze und ihr Vollzug spiegeln auch eine gesellschaftliche Haltung wider. Der strafrechtliche Umgang mit sexualisierter Gewalt und sexuellen Übergriffen muss klar vermitteln, dass derartige Gewalttaten in unserer Gesellschaft nicht toleriert werden. Zudem ist die Strafjustiz für die Durchsetzung der gesetzlich normierten Opferrechte zuständig und trägt hier Opfern gegenüber eine große Verantwortung", so Michalek. Über die Ursachen der hohen Einstellungs- bzw. Freispruchsquote bei Verfahren wegen Vergewaltigung wird im Rahmen der Fachkonferenz in der Podiumsdiskussion "VERSTEHEN wir uns RECHT in der JUSTIZkette" diskutiert werden.

Das eigene Schlafzimmer als gefährlichster Ort

Eine Vergewaltigung ist eine massive Verletzung des Rechts auf sexuelle Selbstbestimmung und der psychischen Integrität des Opfers und hat gravierende Folgen. Die meisten Vergewaltigungen geschehen nicht im öffentlichen Raum. Meist kennt das Opfer den Täter bereits. Sehr oft ist der Täter der eigene Partner. "Sexualisierte Gewalt wird nicht aus Lust oder Liebe ausgeübt, sondern um Macht über Frauen zu erlangen und sie zu entwürdigen und zu erniedrigen", erklärt die Geschäftsführerin des Vereins Wiener Frauenhäuser Andrea Brem.

Zusätzlich zu den körperlichen Folgen und der Gefahr, durch Geschlechtskrankheiten angesteckt oder ungewollt schwanger zu werden, kommt es bei einer Vergewaltigung meist zu einer psychischen Traumatisierung des Opfers. Die Reaktionen reichen von Schuldgefühlen, Panikattacken, Angstzuständen, Schlafstörungen und schweren Depressionen über Psychosen bis hin zu Suizid( versuchen).

Sexualisierte Gewalt in Paarbeziehungen wird ganz besonders tabuisiert. "Frauen, die von Gewalt betroffen sind, fällt es oft schon sehr schwer, über körperliche Gewalt zu sprechen. Mit noch mehr Scham ist es verbunden, vom eigenen Partner zu sexuellem Verkehr gezwungen zu werden. Es ist unsere Aufgabe einen Weg zu finden, dass Frauen auch darüber sprechen können und nicht mit ihren Traumata allein bleiben", unterstreicht Andrea Brem.

Kampagne der Wiener Frauenhäuser

Eine neue Kampagne der Wiener Frauenhäuser macht sexualisierte Gewalt in der eigenen Familie daher zum Thema. Brem: "Betroffene Frauen erleben nämlich nicht die finstere Gasse, sondern das eigene Schlafzimmer als den gefährlichsten Ort." Die von der Agentur Draftfcb Partners für den Verein kostenlos erarbeitete Kampagne wird in Wien plakatiert und von einigen Medien unterstützt.

Zahlen, Daten, Fakten

Zahlen zum Thema gibt es sowohl vom Verein Wiener Frauenhäuser als auch vom 24-Stunden Frauennotruf: Eine im Vorjahr durchgeführte Befragung unter den Bewohnerinnen der Wiener Frauenhäuser ergab, dass etwa 62 Prozent der Frauen unterschiedlichste Formen sexualisierter Gewalt erlebt haben. Manche gaben an, über einen längeren Zeitraum hinweg zu Geschlechtsverkehr oder Sexualpraktiken, die sie nicht wollten, gezwungen worden zu sein.

Die Beraterinnen des 24-Stunden Frauennotrufes führten in den letzten 15 Jahren 84.919 telefonische Beratungsgespräche. Rund jeder 8. Erstanruf (12 Prozent) hatte sexualisierte Gewalt zum Anlass. Ca. 90 Prozent der AnruferInnen waren weiblich, ca. 10 Prozent der Anrufe kamen von Männern. Bei den 11.207 persönlichen Beratungsgesprächen der letzten 15 Jahre war sexualisierte Gewalt in 35 Prozent der Fälle der Grund für den ersten persönlichen Kontakt.

Täter meistens bekannt

76 Prozent der Opfer kannten den Täter: 29 Prozent der Täter kamen aus dem sozialen Umfeld des Opfers. 25 Prozent waren flüchtig bekannt. In 10 Prozent der Fälle war der Täter der eigene Partner, in 8,7 Prozent der Expartner. Nur rund ein Viertel der vom Notruf betreuten Vergewaltigungsopfer (24,4 Prozent) kannte den Täter nicht.

Die Opfer lassen in der Regel nach der Tat viel Zeit verstreichen, ehe sie sich Hilfe holen. In den meisten Fällen (36 Prozent) wurde der Frauennotruf erst nach einem längeren Zeitraum (über drei Monate) nach der Tat kontaktiert wird. 33 Prozent der Betroffenen kontaktieren den Frauennotruf innerhalb der ersten drei Monate nach der erlebten Vergewaltigung. Nur 23 Prozent der Opfer wenden sich innerhalb von 24 Stunden nach der Tat an den Frauennotruf. "Gefühle von Schuld oder Scham und Verdrängung sind oft ausschlaggebend, dass Opfer lange schweigen. Oft suchen Frauen erst Hilfe, wenn der Leidensdruck unerträglich wird", erklärt Barbara Michalek.

Rechtliche Situation in Österreich

Bis zum Inkrafttreten des Strafrechtsänderungsgesetzes im Jahr 1989 war eine Vergewaltigung in der Ehe oder Lebensgemeinschaft nur als Nötigung belangbar. Erst seit 31. Mai 1989 ist die Vergewaltigung in der Ehe oder Lebensgemeinschaft explizit als Vergewaltigung strafbar. Jedoch war die Vergewaltigung in der Ehe oder Lebensgemeinschaft bis ins Jahr 2004 nur auf expliziten Antrag des Opfers zu verfolgen. Erst das Strafrechts-änderungsgesetz 2004 brachte am 1. Mai 2004 die vollkommene rechtliche Gleichstellung einer Vergewaltigung in und außerhalb einer Ehe oder Lebensgemeinschaft: Seitdem muss jede Vergewaltigung, unabhängig von der Art der Beziehung zwischen Opfer und Täter, von den Strafbehörden von sich aus - ohne Antrag auf Strafverfolgung durch das Opfer -verfolgt werden. (Schluss) lac

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