DER STANDARD-KOMMENTAR "Im Netz verfangen" von Josef Kirchengast

Das Internet zeigt die Probleme - gelöst werden müssen sie in der realen Welt - Ausgabe vom 30./31.7.2011

Wien (OTS) - Hätte Anders Behring Breivik die Tat begangen ohne
die globale Bühne, die ihm das Internet zur Rechtfertigung und ideologischen Überhöhung bot? Wir wissen es nicht. Faktum ist, dass es noch nie so einfach war, Ideen und Informationen, welchen Inhalts auch immer, weltweit zu verbreiten. Niemand weiß, welchen Bezug zum "wirklichen" Leben die virtuellen Realitäten haben, die im Netz entstehen, sich entwickeln und wieder verschwinden - oder in konkrete Taten münden. Taten von Gutmeinenden und Engagierten, wie bei spontan organisierter Katastrophenhilfe oder im Arabischen Frühling. Taten von Kriminellen und Perversen, wie im Fall von Kinderpornografie. Taten von Wahnsinnigen wie im Fall B.
Das Netz ist weder gut noch böse, es ist ein Medium - das Medium der Globalisierung. Als solches verstärkt es alle Aspekte der Globalisierung, positive wie negative. Abermillionen Nutzern vermittelt die Computertastatur das trügerische Gefühl, die Globalisierung buchstäblich im Griff zu haben. Und es scheint paradox, dass jene, die sich am meisten von den Folgen der Globalisierung bedroht fühlen, das Internet mit am effizientesten nutzen: Extremisten jeglicher Ausrichtung, von Islamisten bis zu antiislamistischen Kreuzzüglern.
Ihre gemeinsame Haupttriebfeder ist Angst: Angst vor unkontrollierbarer Veränderung, vor dem Verlust von Gewissheiten, vor der Zerstörung der vertrauten Lebenswelt, ob durch Zuwanderer oder "dekadente" Ideen. Im Internet suchen und finden sie Gleichgesinnte, mit denen sie sich wechselseitig verbal aufmunitionieren. Das geht in der Anonymität ganz mühelos und erfordert keinen Bekennermut.
Das allerdings gilt auch für Postings an Online-Medien. Was in den Filtern der Redaktionen an gedanklichem und emotionalem Sondermüll, an niedrigsten Instinkten und höchsten Gemeinheiten hängen bleibt, würde Legionen von Staatsanwälten beschäftigen, käme es an die Öffentlichkeit.
Mag sein, dass das Internet damit eine soziale Hygienefunktion erfüllt, als Blitzableiter für aufgestaute, potenziell explosive Energie. Die sozialen Netzwerke sind die andere, schönere Seite der Medaille. Hier bekennen sich Menschen zu ihrer Identität, suchen Gleichgesinnte, engagieren sich. Dennoch bleibt die Frage, wie persönlich solche Kontakte wirklich sind und wozu sie verpflichten. Wenn nicht reale Begegnungen von Angesicht zu Angesicht und gemeinsames Handeln folgen, bleibt es eine virtuelle Welt, meist eine Scheinwelt, die ungeheuer viel Zeit frisst, enorme Energien bindet und auch Frust erzeugt.
Die sozialen Netzwerke sind, neben vielem anderem, auch ein Hilferuf meist junger, verunsicherter Menschen, die Zuflucht und Geborgenheit in einer für sie aus den Fugen geratenen Welt suchen. Hier ist die Politik gefordert, vor allem die Bildungs- und Integrationspolitik:
Selbst- und Sozialkompetenz zu fördern, also das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und die der anderen, muss eine von allen gesellschaftlichen Kräften getragene Aufgabe sein. Es ist ein erschütterndes Armutszeugnis für eine sich bürgerlich nennende Partei wie die ÖVP, dass ihr als Antwort auf Norwegen wenig anderes einfällt als eine Verschärfung der Antiterrorgesetze.
Defizite und Verirrungen der Politik rufen mehr denn je nach einer starken Bürgergesellschaft. Die kann sich auch im Netz formieren. Handeln aber muss sie im realen Leben.

Rückfragen & Kontakt:

Der Standard
Tel.: (01) 531 70 DW 445

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST0001