OTS0162   29. Juli 2011, 18:12

DER STANDARD-KOMMENTAR "Im Netz verfangen" von Josef Kirchengast

Das Internet zeigt die Probleme - gelöst werden müssen sie in der realen Welt - Ausgabe vom 30./31.7.2011


Hätte Anders Behring Breivik die Tat begangen ohne
die globale Bühne, die ihm das Internet zur Rechtfertigung und
ideologischen Überhöhung bot? Wir wissen es nicht. Faktum ist, dass
es noch nie so einfach war, Ideen und Informationen, welchen Inhalts
auch immer, weltweit zu verbreiten. Niemand weiß, welchen Bezug zum
"wirklichen" Leben die virtuellen Realitäten haben, die im Netz
entstehen, sich entwickeln und wieder verschwinden - oder in konkrete
Taten münden. Taten von Gutmeinenden und Engagierten, wie bei spontan
organisierter Katastrophenhilfe oder im Arabischen Frühling. Taten
von Kriminellen und Perversen, wie im Fall von Kinderpornografie.
Taten von Wahnsinnigen wie im Fall B.
Das Netz ist weder gut noch böse, es ist ein Medium - das Medium der
Globalisierung. Als solches verstärkt es alle Aspekte der
Globalisierung, positive wie negative. Abermillionen Nutzern
vermittelt die Computertastatur das trügerische Gefühl, die
Globalisierung buchstäblich im Griff zu haben. Und es scheint
paradox, dass jene, die sich am meisten von den Folgen der
Globalisierung bedroht fühlen, das Internet mit am effizientesten
nutzen: Extremisten jeglicher Ausrichtung, von Islamisten bis zu
antiislamistischen Kreuzzüglern.
Ihre gemeinsame Haupttriebfeder ist Angst: Angst vor
unkontrollierbarer Veränderung, vor dem Verlust von Gewissheiten, vor
der Zerstörung der vertrauten Lebenswelt, ob durch Zuwanderer oder
"dekadente" Ideen. Im Internet suchen und finden sie Gleichgesinnte,
mit denen sie sich wechselseitig verbal aufmunitionieren. Das geht in
der Anonymität ganz mühelos und erfordert keinen Bekennermut.
Das allerdings gilt auch für Postings an Online-Medien. Was in den
Filtern der Redaktionen an gedanklichem und emotionalem Sondermüll,
an niedrigsten Instinkten und höchsten Gemeinheiten hängen bleibt,
würde Legionen von Staatsanwälten beschäftigen, käme es an die
Öffentlichkeit.
Mag sein, dass das Internet damit eine soziale Hygienefunktion
erfüllt, als Blitzableiter für aufgestaute, potenziell explosive
Energie. Die sozialen Netzwerke sind die andere, schönere Seite der
Medaille. Hier bekennen sich Menschen zu ihrer Identität, suchen
Gleichgesinnte, engagieren sich. Dennoch bleibt die Frage, wie
persönlich solche Kontakte wirklich sind und wozu sie verpflichten.
Wenn nicht reale Begegnungen von Angesicht zu Angesicht und
gemeinsames Handeln folgen, bleibt es eine virtuelle Welt, meist eine
Scheinwelt, die ungeheuer viel Zeit frisst, enorme Energien bindet
und auch Frust erzeugt.
Die sozialen Netzwerke sind, neben vielem anderem, auch ein Hilferuf
meist junger, verunsicherter Menschen, die Zuflucht und Geborgenheit
in einer für sie aus den Fugen geratenen Welt suchen. Hier ist die
Politik gefordert, vor allem die Bildungs- und Integrationspolitik:
Selbst- und Sozialkompetenz zu fördern, also das Vertrauen in die
eigenen Fähigkeiten und die der anderen, muss eine von allen
gesellschaftlichen Kräften getragene Aufgabe sein. Es ist ein
erschütterndes Armutszeugnis für eine sich bürgerlich nennende Partei
wie die ÖVP, dass ihr als Antwort auf Norwegen wenig anderes einfällt
als eine Verschärfung der Antiterrorgesetze.
Defizite und Verirrungen der Politik rufen mehr denn je nach einer
starken Bürgergesellschaft. Die kann sich auch im Netz formieren.
Handeln aber muss sie im realen Leben.

OTS-Originaltext Presseaussendung unter ausschließlicher inhaltlicher Verantwortung des Aussenders.
OTS0162 2011-07-29 18:12 291812 Jul 11 PST0001 0506



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