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"Kleine Zeitung"-Kommentar: "Erste kommunistische Erbmonarchie der Welt" (Von Bernhard Bartsch)
Ausgabe 6.09.2010
Graz (OTS) - Doch Kim Jong-un droht Schicksal à la Shakespeare.
William Shakespeare liebte Tyrannen aus gutem Grund: Kein Stoff
bescherte ihm verlässlichere Erfolge als Dramen über Herrscher
zwischen Allmacht und Ohnmacht. In der Realität würde niemand die
Exzesse eines Richard III. erleben wollen, aber auf der Bühne
garantierten schlechte Regenten stets das bessere Theater.
Wenn die Weltöffentlichkeit derzeit nach Nordkorea blickt, dann folgt
auch sie vor allem der shakespearianischen Lust am Schauen und
Schaudern. Der kränkelnde Diktator Kim Jong-il will diese Woche seine
Partei zusammenrufen, um seinen Sohn formell als Machterben zu
installieren. Die Regentschaft des Kim-Clans soll in die dritte
Generation gehen: 62 Jahre, nachdem Kim Il-sung mit Stalins Segen die
Demokratische Volksrepublik Korea proklamierte, und 16 Jahre, nachdem
sein Tod seinen Sohn Kim Jong-il zum Alleinherrscher machte, soll nun
Kim Jong-un schrittweise die Staatsgeschäfte übernehmen. Nordkorea
wird so zur ersten kommunistischen Erbmonarchie.
Allerdings erbt Kim Junior ein Regime mit wenig Handlungsspielraum
und schwindender Autorität. Sein Großvater regierte noch mit dem
Charisma eines Revolutionshelden. Zwar konnte Kim I. seine
Versprechen nicht halten und sich nur durch Grausamkeit an der Macht
halten, doch seine Aura reichte aus, um das Bild vom "Großen Führer"
aufrecht zu erhalten. Kim Jong-il, versuchte die Ausstrahlung seines
Vaters zu imitieren, indem er sich als "Geliebten Führer" mit
übermenschlichen Fähigkeiten inszenieren ließ: Bei seiner Geburt soll
im tiefsten Winter der Frühling ausgebrochen sein. In Wirklichkeit
beruht die Herrschaft jedoch auf einem Machtgeflecht aus Zuckerbrot
und Peitsche. Die Familien der einflussreichen Fraktionen in Partei
und Militär leben in einer abgeschlossenen Wohlstandssphäre,
riskieren aber ihr Leben, wenn Zweifel an ihrer Loyalität aufkommen.
Auch Kim III. dürfte propagandistisch verklärt werden. Sein
politisches Überleben hängt aber davon ab, dass er die Privilegien
der Elite sichern kann. Je stärker Nordkorea aber auf
Konfrontationskurs geht, umso schwieriger kommt es an die nötigen
Devisen.
Kim Jong-un hat also das Potential für eine große Tragödienfigur. In
Richard III. belegte Shakespeare seinen tyrannischen Protagonisten
mit dem Fluch, Freunde für Verräter zu halten und Verräter für
Freunde - und nie wieder ruhig zu schlafen. Kim III. könnte ein
ähnliches Schicksal erleiden - außer er beweist die Größe, das üble
Spiel seiner Väter zu beenden. ****
Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at
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