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"Die Presse" Leitartikel: Die Schüler zwischen allen Stühlen, von Regina Pöll

Ausgabe vom 06.09.2010

Wien (OTS) - Nicht die Organisation, nur der Lehrer zählt an
Schulen. Darauf sollte sich endlich auch die Politik konzentrieren.

Nie wird sich ein Schüler von 14 oder 15 Jahren fragen, ob er gerade
von einem Bundes- oder von einem Landeslehrer unterrichtet wird. Nie
wird es eine große Rolle spielen, ob über dem Schultor gerade
"Hauptschule", "Neue Mittelschule" oder "Gymnasium" steht. Sehr wohl
entscheidend wird sein, ob der Schüler einen Geografielehrer hat, der
in so einfachen Sätzen vor den Landkarten spricht, dass man den Stoff
zu Hause kaum noch zu wiederholen braucht. Oder ob der Schüler einmal
einen Lehrer hatte, der ihm den "Handschuh" von Schiller als
Strafaufgabe gegeben hat: Die Ballade wird er so schnell nicht
vergessen. Schlecht?

Schlecht wäre es, würde sich der Schüler später vor allem an Lehrer
erinnern, die überfordert waren. Die mit "Weil es so ist" geantwortet
haben, als es um Integralrechnung ging. Oder mit "Because I say so",
obwohl es eine logische Erklärung für die Zeitenfolge im Englischen
geben müsste.

Noch schlechter wäre es, der Schulalltag würde in Wahrheit von den
Eltern geprägt. Und zwar, nachdem die Schultore geschlossen wurden.
Also zum Beispiel ab 17 Uhr, wenn beide müde sind: die Schüler, weil
sie sich durch "Hausübungsstunden" in den Schulen gekämpft haben, in
denen sie aber keine Antworten von ihren Betreuern bekommen haben.
Und die Eltern, weil sie von ihrer Arbeit nach Hause gehetzt sind, um
ihren Kindern in der "Schule" zu helfen. Wer es sich leisten kann,
wird da lieber hunderte Euro im Jahr oder vielleicht sogar im Monat
an Nachhilfelehrer zahlen.

Die Schulpolitik freilich, sie hat keine Antworten. Gut: Ministerin
Schmied nennt sich selbst gern "mutig", und man möchte es ihr
persönlich auch zugestehen, wenn sie wieder einmal auf
Bildungsreformen drängt: gegen die sogenannten
Betonierer-Gewerkschaften, gegen Finanzminister Josef Pröll - und
sogar gegen "ihren" Kanzler, Werner Faymann. Der ist ihr zuletzt ja
nur vordergründig zur Seite gesprungen, als er Mehrstunden für die
Lehrer forderte. So wie Schmied im Vorjahr, die sich damit aber einen
schweren Rüffel der Gewerkschafter eingehandelt hat.

Faymann soll Schmieds Forderung auch nur wiederholt haben, um die
zunehmend frustrierte - oder gekränkte - Genossin in der Regierung zu
halten. Fast im gleichen Atemzug kippte er mit Pröll aber das
Vorhaben eines Landeslehrer-Controllings, das Claudia Schmied so
wichtig war.

Mit mehr Lehrerstunden wäre das Problem der schwachen Lehrer
allerdings auch nicht gelöst. Eher verstärkt. Denn mehr Stunden mit
schlechten Lehrern an der Tafel sind einfach nur schlechte Stunden.
Vergeudete Lehr- und Lernzeit, nichts weiter. Sicher: Ein besonders
intelligenter Schüler wird sich im Ernstfall auch selbst durchs
System hieven. Ein mäßig begabter oder unbegabter Schüler - und seien
es nur wenige Fächer, in denen er hinterherhinkt - könnte sitzen
bleiben. Unfair eigentlich.

Das, was es am dringendsten für die Zukunft der Schüler braucht, sind
fähige Lehrer, oder genauer: bessere Aus- und Weiterbildung für die
(künftigen) Lehrer. Denn dass die Didaktikschulungen an den
Universitäten den Namen oft nicht verdienen, ist Allgemeingut. Dass
die Pädagogischen Hochschulen zu Beginn auswählen, die Studenten
danach aber - außer im Extremfall - selbst entscheiden, ob sie im
Studium verharren, selbst wenn sie an Praktika in der Klasse
scheitern, ist auch nicht optimal.

Und besser wird es so bald nicht, weil die "Regierungspartner" mal
wieder lieber gegen- als miteinander arbeiten, wenn es um die Fragen
geht, die Schüler so gar nicht interessieren: "Gesamtschule" oder
nicht? Sollen Bundeslehrer künftig von den Ländern angestellt werden?
Sollen die Unis und die Pädagogischen Hochschulen zusammenwachsen?

Aber, leider: SPÖ und ÖVP wollen all das nur im Paket beschließen,
das eine gehe doch nicht ohne das andere. Ach so? Das Gegenteil
könnte zutreffen: An einem Gesamtpaket könnten die Regierungsparteien
von vornherein scheitern. Zu viel Ehrgeiz kommt eben vor dem Fall.
Sinnvoller wäre es da, die Ministerinnen Claudia Schmied und Beatrix
Karl nähmen sich kleinere Schritte vor. Also eine bessere methodische
und fachliche Ausbildung sowohl an den Universitäten als auch an den
Pädagogischen Hochschulen, das ginge sogar (fast) von heute auf
morgen. Und Lehrer, die künftige Lehrer ausbilden, sollten ebenfalls
besseres Werkzeug in die Hand bekommen.

Bis mehr solcher Lehrer in den Klassen stehen, werden die Schüler
aber zwischen den Stühlen sitzen bleiben. Welche Etiketten daran
kleben, ist ihnen sicher herzlich egal.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

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