• 03.09.2010, 14:07:18
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Donaubörse: Wien als Drehscheibe mitteleuropäischen Getreidemarktes

5. Internationaler Branchentreff mit ungewöhnlich viel konkreter Geschäftstätigkeit

Wien (OTS/AIZ) - In Wien ging heute an der Börse für
Landwirtschaftliche Produkte die 5. Internationale Donaubörse über
die Bühne. Der zum internationalen Fixpunkt gewordene Branchentreff
von Getreide- und Futtermittelhandel, Verarbeitung und Logistik aus
ganz Mittel-, Süd- und Osteuropa verzeichnete einen Rekordbesuch von
mehr als 450 Teilnehmern aus 13 Staaten. Das rege Interesse der
Branche ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass die Donaubörse
heuer zu einem besonders interessanten Zeitpunkt vor dem Hintergrund
eines sehr spekulativen und volatilen Marktes mit praktisch täglichen
starken Preisausschlägen stattfand. Wie der Gastgeber und Wiener
Börsepräsident Josef Dietrich bei der Eröffnung festhielt, fand "die
5. und mittlerweile zur Tradition gewordene Donaubörse in einem
weiteren extrem schwierigen, oder lassen Sie mich sagen,
interessanten und herausfordernden Jahr statt". Die nervöse
Ausgangslage ließ die Donaubörse heuer nicht nur die übliche
Diskussionsplattform und Informationsdrehscheibe sein, sondern auch
zum Parkett konkreter Geschäfte werden. Zahlreiche Teilnehmer sollen
das Treffen für den Abschluss konkreter Deals genutzt haben und, so
hieß es aus Kreisen der Veranstalter, "heute sind an der Donaubörse
zig Tonnen Getreide bewegt worden".

Markt erhielt durch Wetterextreme ungewöhnliche Dynamik

Dietrich erinnerte an die ungewöhnlichen Witterungsverhältnisse
dieses Getreidejahres mit viel, oft zu viel Nässe und Kälte, extremer
Hitze im Abreifestadium der Bestände und zu viel Regen während der
Ernte. Ursprünglich sei erwartet worden, dass das laufende
Wirtschaftsjahr 2010/11 mit einem komfortablen Endlagerstand von
weltweit 195 Mio. t Weizen abgeschlossen werde. Dies hätte eher auf
eine Fortsetzung des 2009/10 flachen Verlaufs der Preiskurve
schließen lassen. Doch erhielt der Markt in den letzten Wochen durch
die Missernten in Russland in Folge der Gluthitze und der Ukraine
sowie durch die starke Beeinträchtigung von Menge und vor allem
Qualität in Deutschland durch die verregnete Ernte eine ungeahnte
Dynamik. Der Internationale Getreiderat IGC setzte in seiner jüngsten
Prognose vorige Woche die Endlager 2010/11 nur mehr mit 184 Mio. t
fest, wobei aber die globale Weizenbilanz heuer entgegen den
ursprünglichen Annahmen mit 13 Mio. t negativ ausfallen wird. Das
heißt: die auf 644 Mio. t herabrevidierte Weizenerzeugung kann den
weltweiten Weizenverbrauch von 657 Mio. t heuer nicht decken. Die
Preise setzten spätestens seit Russland, einer der global
Top-Fünf-Exporteure, durch sein Exportverbot als Player am Weltmarkt
für die Saison 2010/11 ausgefallen ist, zu einer Rallye an.

Österreich punktet bei Nachbarn als Insel der Weizenqualität - Roggen
wird importiert

Vor allem in Mitteleuropa spielt Qualität heuer eine dominante
Rolle, betonte Dietrich, und konnte festhalten: "Österreich scheint
eine Insel mit besten Weizenqualitäten zu sein und alle unsere
Nachbarländer rechnen damit, österreichischen Premiumweizen zu
importieren und zu verarbeiten. Auch Mischfuttererzeuger, Ölmühlen
sowie RME- und Ethanolerzeuger und andere Getreideverarbeiter müssen
sich heuer sehr sorgfältig um ihre Rohstoffpositionen umsehen." Auf
der Donaubörse wurde potenziellen Kunden aus den Zielmärkten auch
heuer wieder ein vom Bundesgremium des Agrarhandels, der AMA und der
Versuchsanstalt für Getreidehandel herausgegebener und mit
Unterstützung der Landwirtschaftskammer Österreich produzierter
Folder zur österreichischen Weizenernte 2010 präsentiert. Der Folder
enthält Information unter anderem über Weizensorten, Erträge und
Qualitätsverteilung sowie Qualitätskriterien von heimischem Weizen
der Ernte 2010.

Die unerwartet starke Geschäftstätigkeit auf der Donaubörse schien
diese Aktivität zu bestätigen, wobei aber für Österreich 2010/11 beim
Roggen die Sache andersrum als beim Weizen läuft. "Nur ein kleiner
Anteil unserer Ernte ist heuer für den menschlichen Konsum geeignet
und die österreichischen Mühlen müssen Roggen importieren", so der
Börsepräsident.

Deutschland muss erstmalig seit Jahrzehnten Aufmischweizen
importieren

Aus dem nördlichen Nachbarland wurde etwa diese Woche bekannt,
dass Deutsche Mühlen wegen der mangelnden Qualitäten der verregneten
Weizenernte erstmalig seit Jahrzehnten hochwertigen Aufmischweizen
der Qualitätsstufe Dark Northern Spring aus den USA importierten.
Offensichtlich rechnen sich nun auch heimische Anbieter von
Aufmischweizen Chancen nicht nur am angestammten italienischen Markt
vor der Haustüre, sondern auch in Deutschland aus. Aus Oberösterreich
wurden dieser Tage schon Mahlweizenlieferungen an Mühlen im
grenznahen bayerischen Raum bekannt. Aber nicht nur die
Weizenanbieter, sondern auch Saatgutproduzenten profitieren davon.
"Nachdem in Deutschland noch viel Weizen am Halm steht und die
nächste Herbstaussaat naht, können wir zurzeit ungewöhnlich viel
Saatgut an unsere Nachbarn verkaufen", freute sich etwa ein
heimischer Anbieter auf der Donaubörse.

Wiener Kassamarktnotierungen sind bereits den Pariser Terminkursen
enteilt

Die aktuellen Kassamarktnotierungen der Wiener Produktenbörse vom
Mittwoch dieser Woche spiegeln das Bild wider: Premiumweizen hält bei
einem Netto-Großhandelsabgabepreis von EUR 240,- pro t,
Qualitätsweizen bei EUR 227,50 und Mahlweizen bei EUR 217,50 pro t.
Mahlroggen erzielt entsprechend der knappen Versorgung mit EUR 238,50
pro t fast so viel wie Premiumweizen und auch die
Futtergetreidepreise - EUR 151,50 pro t für Gerste und EUR 162,- pro
t für Weizen - schwimmen im Kielwasser des Brotgetreides mit nach
oben. Frei gehandelter Raps - das Gros wurde ja bereits in
Vorverträgen abgewickelt - hält zurzeit an der Wiener Börse bei EUR
350,- pro t. Dies sei laut Beobachtern zwar ein sehr guter Preis,
gegenüber dem Weizen hat er aber seine Soll-Preisparität von eins zu
zwei zuletzt wieder eingebüßt. Dies und die Tatsache, dass die
heimischen Kassamarktpreise für Weizen zuletzt dem als "Leitwährung"
eingestuften europäischen Weizenfutures an der Pariser Euronext -
dieser näherte sich jüngst der Marke von EUR 230,- pro t für den
November-Liefertermin - praktisch vorausge- und enteilt sind, lässt
manche Beobachter auch an der Nachhaltigkeit der Preishausse
zweifeln.

Diese führen dafür auch ins Treffen, dass zurzeit die späteren
Liefertermine aus der Ernte 2010 an der Euronext - also für Jänner,
März und Mai 2011 - teilweise bis zu fast EUR 10,- pro t niedriger
notieren als der vorderste, der November-2010-termin. Üblicherweise
notieren die späteren Liefertermine wegen der mit der Zeit wachsenden
Kosten für Finanzierung, Lagerung, Gesunderhaltung etc. quasi mit
sogenannten Reports höher als die vorderen.

Spekulationsdebatte: Preishausse zurzeit eher von Spekulation am
Kassamarkt angetrieben

Ein Thema der Branchengespräche auf der Donaubörse war eben auch
dieses Verhältnis zwischen Kassa- und Terminmärkten sowie die
Spekulation branchenfremder Finanzinvestoren, die vielerorts für die
Preishausse verantwortlich gemacht wird. Dabei meinten etliche
Teilnehmer, die Preisvorstellungen der Halter von physischer Ware
verengten sich zuletzt gegen den oberen Rand der Notierungen hin,
sofern sie nicht überhaupt auf noch weiter steigende Preise
spekulierten und ihre Ware gänzlich zurückhielten. Damit sehen sie in
Österreich genauso wie im benachbarten Deutschland oder in Frankreich
die Preishausse zurzeit eher von Spekulation mit physischer Ware als
von Spekulanten an den Warenterminbörsen angetrieben - und im
Gegenteil die Kursgewinne an den Terminmärkten eher vom physischen
Markt inspiriert.
(Schluss) pos

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