OTS0271 / 08.03.2010 / 16:04 / Channel: Politik / Aussender: Kurier
Stichworte: FPÖ / NS-Verbotsgesetz / Pressestimmen / Rosenkranz / Wahlen


"KURIER"-Kommentar von Christoph Kotanko: "Große Worte, kleine Schritte"

Utl.: Rosenkranz distanziert sich von sich selbst. Das ist schon Haider misslungen. =


   Wien (OTS) - Im NS-Regime habe es "Vorgänge gegeben, die nicht zu
akzeptieren sind", formulierte Jörg Haider 1985 in einem
profil-Interview.  Auf die Nachfrage "Haben Sie Schwierigkeiten, von
Vergasungen und Massenmord zu sprechen?" antwortete Haider kalt:
"Wenn Sie so wollen, dann war es halt Massenmord." Es sei "ja
nachgewiesen, dass es so was gegeben hat".
   Ein Vierteljahrhundert später hatte 
FPÖ-Präsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz ähnliche Zores mit
der historischen Wahrheit. Ihr Erkennungszeichen waren immer
eindeutige Signale ins extrem rechte Eck. Die Frage, ob es während
der Nazi-Zeit Gaskammern gegeben habe, wollte sie in Dutzenden
Interviews nie eindeutig beantworten. Ihr Geschichtsbild sei das
einer Österreicherin, die zwischen 1964 und 1976 in die Schule ging -
das war ihre ständige Ausrede. Und das NS-Verbotsgesetz gegen jede
Wiederbetätigung im Sinne des Nationalsozialismus widersprach laut
ihrer langjährigen Auffassung der "Meinungsfreiheit". 
   Wenn man der "Reichsmutter" (so nannte die Süddeutsche Zeitung
Rosenkranz) glauben will, ist seit gestern manches anders. Bei einer
grotesk inszenierten Veranstaltung erklärte sie "eidesstättig",   die
Nazi-Verbrechen zu verurteilen. Unterschrieb und verschwand.
   Dass Barbara Rosenkranz seit gestern ihre Ansichten fundamental
geändert hat, darf bezweifelt werden. Sie hatte jahrelang Gelegenheit
zu den aktuell geäußerten Einsichten - und nützte sie nie. Außerdem
sollte man ihr Kalkül nicht verkennen: Sie musste  fürchten, die
unbezahlbare Wahlwerbung in der Krone zu verlieren, und war  nun zu
einem Schritt gezwungen.   
   Der Krone-Herausgeber hatte vergangene Woche nach ungezählten 
Parteinahmen für Rosenkranz plötzlich eine öffentliche Distanzierung
verlangt. Das war weniger einem antifaschistischen Überschwang Hans
Dichands geschuldet als seiner Erkenntnis, dass auch die Kunden der
Krone bestimmte Grenzüberschreitungen nicht wollen. Aufgrund der
Proteste gab der einstige Matrose das Kommando zum Kurswechsel: "Klar
zum Wenden!"
   Demokratie, Freiheit und Menschenwürde seien die Fundamente ihres
Weltbildes, heißt es in der von Rosenkranz unterschriebenen
Erklärung. Worte sind das eine, Werte etwas anderes. Der Wahlkampf
wird zeigen, was sie ehrlich meint. 
   In Kärnten lässt sie mit der alten Linie um
Unterstützungserklärungen werben. In einem eMail (in ihren Kreisen
heißt das "Strompost") an Parteimitglieder steht u. a., Rosenkranz 
sei  bekannt für ihre "beinharte Linie in Sachen Zuwanderung." 
   Das klingt eher nach freiheitlicher Wiederbetätigung.
   Außerdem verbreitet die FPÖ, Rosenkranz sei "ein starkes Signal an
bürgerliche Wähler." Diese Behauptung wird durch Wiederholung nicht
richtig.  
   Rosenkranz kann noch so viele Krampfreden halten und Papiere
unterschreiben: Sie ist in Gesinnung und Gehaben radikal. Das  ist
das Gegenteil von bürgerlich.
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