Silvester: Bischöfe ziehen kritische Bilanz ... (2)

Kothgasser: Verantwortung für Schöpfung übernehmen

Der Salzburger Erzbischof Alois Kothgasser verwies in seiner Jahresschlussandacht auf die zahlreichen Konfliktpunkte und Herausforderungen, die das vergangene Jahr 2009 mit sich gebracht habe. Zum einen habe etwa der jüngste Weltklimagipfel in Kopenhagen erneut die von jedem Einzelnen zu übernehmende Schöpfungsverantwortung vor Augen geführt. Auch im Kampf gegen den Hunger sei bislang zu wenig geschehen, und politisch sei der Nahe Osten und speziell das Heilige Land weiterhin ein Pulverfass, so Erzbischof Kothgasser.

Sorgenvoll blickt Kothgasser außerdem auf das jüngste "Kreuz-Urteil" des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofs: Die individuelle Religionsfreiheit einzelner Personen höhle das Recht auf kollektive öffentliche Religionsausübung aus - "was bisher nur in religionsfeindlichen, totalitären politischen System vorgekommen ist".

Den interreligiösen Dialog mit dem Islam sieht Kothgasser trotz des Schweizer Minarett-Votums auf einem guten Weg: "Die Bemühungen um gegenseitiges Verstehen, um ein respektvolles Miteinander mit dem Islam haben zugenommen", so Kothgasser. Dennoch gebe es weiterhin Ängste und Spannungen, die nicht zu unterschätzen seien, auch sei die Frage der Ausübung der Religionsfreiheit "weiterhin eine Herausforderung nicht nur in europäischen, sondern auch in arabischen Ländern".

Ein "ökumenisches Tauwetter" sieht der Salzburger Erzbischof im Dialog mit der Orthodoxie. Während die Beziehungen zu den evangelischen Christen "in letzter Zeit eher schwieriger und mühsamer" geworden seien, stimmen ihn insbesondere die Signale des neuen russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill positiv. Kothgasser:
"Der Weg der Ökumene scheint doch ein weiter zu sein, trotz aller vielfachen, ehrlichen Bemühungen".

Schwarz: "heikle gesellschaftliche Fragen"

Einen Rückblick auf die zahlreichen kirchlichen Projekte im ausgeklungenen Linzer Kulturhauptstadtjahr 2009 unternahm der Linzer Diözesanbischof Ludwig Schwarz. Insbesondere hob er die "Turmeremitage" im Linzer Dom als "wertvolles Projekt" hervor, das "weit über die Grenzen des Landes" beachtet worden sei.

Zugleich wies Bischof Schwarz jedoch auch auf die heiklen gesellschaftlichen und sozialen Fragen hin, die das vergangene Jahr aufgeworfen habe: "Die Wirtschafts- und Finanzkrise fiel nicht vom Himmel. Sie wurde durch menschliche Schuld verursacht. Die Klimakrise ist eine gefährliche. Leider wurde in Kopenhagen keine positive Lösung gefunden. Die armen Länder der Welt sind von diesen Krisen am stärksten betroffen. Als Folge der Krisen geben auch die reichen Länder den Notleidenden weniger".

Scheuer: "Stärkung des Wir"

Der Innsbrucker Diözesanbischof Manfred Scheuer sieht in der Entfaltung eines neuen "gemeinsamen Wir" und in der Stärkung der "Innerlichkeit des Glaubens" die zentralen Aufgaben im neuen Jahr. Ein "starkes Wir" sei angesichts "vieler Tendenzen zur Individualisierung und Vereinsamung, aber auch angesichts von Egoismus und Gier" notwendig, bekräftigte Scheuer. Es gelte, dem Gefühl einer "resignativen Ohnmacht" zu widerstehen und "ein dichtes Beziehungsnetz zwischen Einzelpersonen, Initiativgruppen, Nachbarschaften und vielen weiteren lokalen Akteuren" zu knüpfen.

Zugleich plädierte Bischof Scheuer für ein neues Miteinander von "Mystik und Politik". Die "Innerlichkeit des Glaubens" könne nur in einem Zusammenspiel von Frömmigkeit, Spiritualität und weltveränderndem Handeln bestehen, mahnte der Innsbrucker Bischof.

Zur jüngsten Diskussion nach dem "Nein" der Schweiz zum Minarettbau merkte der Bischof an, dass dieses Nein die Probleme "unübersehbar" mache, "die sich aus dem Zusammenleben der Religionen und Kulturen auch für uns in Tirol ergeben". Die Ängste, so der Bischof, seien ernst zu nehmen. Es gelte, sie "durch mehr Begegnung von Einheimischen und muslimischen Zuwanderern" abzubauen. Ausdrücklich bedauerte Scheuer dabei, dass es "gar nicht so wenige Menschen" gebe, die diese Ängste "für ihre Interessen verzwecken und weiter schüren".

Klar zu unterscheiden sei laut Scheuer zwischen dem "Islam als Glaubensgemeinschaft" und einem "islamistischen Fundamentalismus", der versuche, seine Ziele "unter der Verletzung der Freiheit anderer" und "möglicherweise sogar mit Gewalt" durchzusetzen.

Schwarz: "Veränderung beginnt bei jedem einzelnen"

Der Kärntner Diözesanbischof Alois Schwarz ging in seiner Jahresabschlussandacht explizit auf den jüngsten Finanzskandal um die Kärntner Hypo-Alpe-Adria-Bank ein. Es gebe "eine besondere Verantwortung derer, die Leitungsverantwortung tragen und dadurch Steuerungsmöglichkeiten haben", so Schwarz. Zugleich liege es jedoch auch an jedem Einzelnen, "Gier und Begehrlichkeit" zu reflektieren. Veränderung müsse "bei jedem einzelnen beginnen".

Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise fordere ein neues Nachdenken über ethische Maßstäbe. "Wir leben in Zeiten der finanziellen Unsicherheit und Unübersichtlichkeit. Wir können uns die Summen der erahnbaren finanziellen Verluste, die viele Menschen ins Elend und den existenziellen Abgrund treiben, gar nicht vorstellen", so Bischof Schwarz. Notwendig sei dagegen eine "Reichweitenentgrenzung ethischen Denkens", so Bischof Schwarz unter Verweis auf den Philosophen Hans Jonas. Insbesondere brauche es eine "Globalisierung der Solidarität", die mit dem Zwischenmenschlichen beginne und weit darüber hinausgehe, "weil es uns alle angeht".

Zu einer neuen Solidarisierung "von unten" und zu einer Veränderung des Lebensstils gebe es laut Bischof Schwarz "keine Alternative". In diesem Kontext werde zukünftig auch den Pfarren als "soziale Netzwerke" eine zunehmend größere Bedeutung zukommen.

(forts. mgl.)
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