• 28.12.2009, 18:42:02
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"Die Presse" - Leitartikel: Wer braucht dieses Tabakgesetz?, von Martina Salomon

Ausgabe vom 29.12.2009

Wien (OTS) - Der Nichtraucherschutz funktioniert in Österreich
überhaupt nicht. Eine Gesetzesänderung ist nötig.

Versetzen Sie sich bitte zwanzig Jahre zurück: Wir befinden uns im
Großraumbüro, architektonisch gerade der letzte Schrei, heute schon
wieder überholt, ganz besonders diese schaurigen beigen
Cordsamtsofas. Aber was fällt Ihnen besonders auf? Mindestens die
Hälfte der Angestellten raucht regelmäßig am Schreibtisch.
Erstaunlicherweise stößt sich auch kein Nichtraucher daran. Heute
wäre das undenkbar - genauso, wie es in weiteren zwanzig Jahren
undenkbar sein wird, dass man beim Essen im Restaurant vom Nebentisch
angepofelt wird.
Da wir uns aber leider in Österreich ein Jahrzehnt nach der
Jahrtausendwende befinden, ist das der ganz normale Alltag. Denn das
seit 2009 geltende neue Tabakgesetz ist, mit Verlaub, einfach
Schrott. Daher ist es auch nicht besonders erstaunlich, dass sich
keiner ernsthaft daran hält und natürlich auch niemand den
zahlreichen Anzeigen nachgeht.
"Grundsätzlich" herrscht seit Jahresbeginn eigentlich Rauchverbot in
der Gastronomie, aber die Ausnahmen sind - typisch österreichisch -
recht zahlreich: Da darf es ein "Extrazimmer" für Raucher geben. Ist
dies räumlich unmöglich, obliegt es dem Wirt, ob er das Rauchen
gestattet. Das gilt jedoch nur, wenn der Gastraum weniger als 50
Quadratmeter misst. Ist er größer, darf wiederum der Wirt darauf
pochen, dass eine bauliche Trennung unmöglich ist. Kleine Kostprobe
des Gesetzestextes gefällig? "Als Ausnahme von diesem Rauchverbot
können in öffentlichen Einrichtungen, soweit es sich nicht um
bestimmte für Kinder und Jugendliche gewidmete Einrichtungen handelt,
und sofern eine ausreichende Anzahl von Räumlichkeiten zur Verfügung
steht, Räume bezeichnet werden, in denen das Rauchen gestattet ist,
wenn gewährleistet ist, dass der Tabakrauch nicht in den übrigen, mit
Rauchverbot belegten Bereich dringt und das Rauchverbot dadurch nicht
umgangen wird."

Wundern Sie sich jetzt wirklich noch, dass das Rauchen in
österreichischen Lokalen die Regel statt die Ausnahme ist?
Nichtraucherzonen, so es sie gibt, sind gern im lichtlosen Teil des
Lokals in der Nähe der Sanitäranlagen. "Überlasst das doch dem
Markt", sagen die Liberalen, die jede Verbotszone als
Freiheitsberaubung betrachten, die irgendwann zur allgemein
akzeptierten Totalentmündigung der Bürger führt. Dem lässt sich
entgegnen, dass die Freiheit des Einzelnen dort enden sollte, wo sie
die Freiheit anderer einschränkt - was beim Rauchen klar der Fall
ist. Der Markt hat in Österreich nämlich für die lautstarke
Minderheit der Raucher entschieden, was die Mehrheit der Nichtraucher
gefälligst (und im wahrsten Sinne des Wortes) zu schlucken hat.
Der Obmann des Fachverbandes Gastronomie in der Wirtschaftskammer
Österreich zeigte sich gestern mit dem Gesetz übrigens hochzufrieden.
Kein Wunder: Es hat sich ja für die Wirte so gut wie nichts geändert.
Der Gesundheitsminister (er heißt Alois Stöger, wenn Ihnen der Name
jetzt partout nicht einfällt) will die Gesetzesfolgen indessen
evaluieren lassen. Und er ist, wie er gesteht, sogar ein bisschen
"ärgerlich", weil er den Nichtraucherschutz in Österreichs
Gastronomie im internationalen Vergleich "leider im unteren Drittel"
sieht. In anderen Ländern herrsche mehr Klarheit, da es dort in
Gaststätten generell nicht gestattet ist zu rauchen, sagt Stöger.

Wie wär's, Herr Gesundheitsminister, wenn wir das hierzulande genauso
praktizierten? Es böte sich sogar eine "österreichische Lösung" an,
die weniger hart als zum Beispiel jene in Italien wäre: In
Gasthäusern könnte rigoroses Rauchverbot gelten, im Kaffeehaus (falls
dort nicht warmes Essen serviert wird) darf in einem
Übergangszeitraum noch ein paar Jährchen gepafft werden, in Bars
herrscht Rauchfreiheit. Schließlich ist es in Österreich kälter als
beim südlichen Nachbarn, wo man unter netten Heizschirmen auch im
Winter draußen steht. Angeblich ist das nicht nur für einen Flirt gut
- sondern auch der Gesundheit zuträglich, wie neue Studien
eindrucksvoll zeigen. Die Zahl der Krankheiten durch
Nikotinmissbrauch hat sich in Staaten mit strengen Tabakgesetzen
nämlich deutlich reduziert.
Letztlich macht Gelegenheit Diebe, und es wird weniger geraucht, wenn
der Aufwand dafür zu groß ist. Folgerichtig ist Österreich
Weltmeister bei der Zahl jugendlicher Raucher, wie eine OECD-Studie
kürzlich gezeigt hat. Rauchen macht zwar, wie jedermann weiß, alt,
faltig und krank. Aber das ist einem mit 15 relativ wurscht. Und
lässig an der Zigarette ziehen kann man im Raucherparadies Österreich
ja überall - noch.

Rückfragehinweis:
[email protected]

Digitale Pressemappe: http://www.ots.at/pressemappe/447

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