- 25.11.2009, 18:24:30
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DER STANDARD-Kommentar: "Die betrogene Generation" von Alexandra Föderl-Schmid
"Die Senioren setzen sich durch, die Jüngeren haben das Nachsehen"; Ausgabe vom 26.11.2009
Wien (OTS) - Wenn es um die Bedürfnisse der Pensionisten geht,
dann reagiert die Politik schnell. Wenn junge Menschen Forderungen
stellen, dann dauert es Wochen, bis man sich mit ihren Anliegen
ernsthaft auseinandersetzt. Dann werden, wie beim Hochschuldialog am
Mittwoch geschehen, Arbeitsgruppen eingesetzt, die erst nach Monaten
Ergebnisse vorlegen sollen. Diese werden vorab als unverbindliche
Empfehlungen bezeichnet. So wird bei Vertretern der jungen Generation
das Gefühl verstärkt, dass sie zwar angehört, aber nicht gehört
werden.
Das kann man von Seniorenvertretern nicht behaupten. Sie haben sich
zwar diese Woche nicht mit ihrer Forderung zur Gänze durchgesetzt,
aber ein Plus von 1,5 Prozent liegt über dem Abschluss der Metaller,
der als Richtschnur für Gehaltsverhandlungen eines Jahres gilt.
Lohnerhöhungen fallen demnach geringer aus als Pensionserhöhungen.
Politiker reagieren immer auf den Druck der Seniorenvertreter. Noch
offensichtlicher war es im Vorjahr, als wenige Tage vor dem
Wahltermin die Pensionen weit über die Inflationsrate hinaus mit
einem Plus von 2,1 Prozent erhöht und die Hacklerregelung bis 2013
verlängert wurde.
Die Vertreter der Seniorenlobby - vertreten durch Karl Blecha und
Andreas Khol - können viel mehr durchsetzen, als dies die Besetzer
der Hörsäle bisher vermocht haben. Dabei machen Letztere zu Recht
nicht nur auf un?zumutbare Studienbedingungen aufmerksam, die sich in
den vergangenen Jahren deutlich verschlechtert haben. Der
Studierendenandrang hat sich vergrößert, die Kapazitäten an den
Hochschulen wurden nicht angepasst. Die Abschaffung der
Studiengebühren war kein Beitrag zur Lösung des Problems, sondern
eine Demonstration der innerkoalitionären Machtverteilung.
An den Universitäten und Schulen entscheidet sich die Zukunft des
Landes. Es geht nicht nur um Bildungsmöglichkeiten für die junge
Generation, es entscheidet sich in diesem Bereich die
Innovationsfähigkeit eines Staates. Die nordischen Staaten haben es
vorgemacht. Wie die OECD-Studien in schöner Regelmäßigkeit vor Augen
führen, hat Österreich einen Nachholbedarf sowohl bei den
Studienanfängern als auch bei den Abschlüssen. Daraus lässt sich nur
die Schlussfolgerung ableiten, dass mehr zur Steigerung der
Absolventenquoten getan werden muss, um überhaupt ins internationale
Mittelfeld zu gelangen.
Im Pensionsbereich gibt es einen Spitzenplatz. Österreich ist
Vize-Europameister bei Frühpensionen. Österreicher gehen im
Durchschnitt mit 58,3 Jahren in Pension - lange vor dem gesetzlich
vorgesehenen Alter. Seit 2002 ist das Pensionseintrittsalter
österreichischer Männer fast um ein Dreivierteljahr gesunken, das der
Frauen sogar um ein Jahr. Gleichzeitig stieg die Lebenserwartung um
1,4 Jahre bei Männern, um ein Jahr bei Frauen.
In Österreich gibt es ein Pensionssystem, das im Umlageverfahren
organisiert ist. Immer weniger junge Menschen müssen den Lebensstand
von immer mehr Älteren finanzieren. Auch diese Regierung hat bisher
nichts unternommen, um dieser Entwicklung entgegenzusteuern.
Diese Asymmetrie löst bei jungen Menschen das Gefühl aus, betrogen zu
werden: um Ausbildungschancen, um Lebensperspektiven. Denn irgendwann
muss das Pensionseintrittsalter auch in Österreich erhöht werden.
Geschürt wird damit auch eine Neiddebatte, die in geschmacklosen
"Kukident-" und "Vampir-Vergleichen" gipfelt.
Die Politik schreckt davor zurück, eine gerechtere Lasten- und
Chancenverteilung vorzunehmen. Notwendig ist eine
Generationenpartnerschaft, ein neues Solidarsystem. Auch darum geht
es beim Protest an den Hochschulen, dem Protest der jungen
Generation.
Rückfragehinweis:
Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445
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