Wien (OTS) - Der Wissenschaftsminister kämpft gegen den Ansturm deutscher Studenten. Große Visionen für die Unis fehlen.
Jetzt möge kommen, was wolle. Der Wissenschaftsminister scheint - es muss vor drei Wochen gewesen sein - seine Wunderwaffe gegen alle Nöte im heimischen Uni-System gefunden zu haben. Als die Hochschulen bei einem internationalen Ranking abstürzten, hatte Johannes Hahn (ÖVP) sogleich die Lösung parat, die da lautet: Zugangsbeschränkungen schaffen und die Studiengebühren wieder einführen. Auch als ein neuer Höchststand bei den Studentenzahlen prognostiziert wurde und die Rektoren vor Kapazitätsengpässen warnten, war die Analyse des Ministers simpel: Was es brauche, seien Studiengebühren und Zugangsbeschränkungen. Wie Hahn auf den Ansturm deutscher Studenten auf die heimischen Unis reagierte, verwundert da kaum. Er forderte - man ahnt es - die Einführung von Zugangsbeschränkungen und Studiengebühren. Ein "Notfallparagraf" im Uni-Gesetz soll das ermöglichen - eigens geschaffen, um bei großem Andrang deutscher Numerus-Clausus-Flüchtlinge die "Notbremse" zu ziehen.
Die Idee hat gleich mehrere Schönheitsfehler. Etwa, dass sich der Minister überhaupt traut, von einem Notfall zu sprechen. Den Österreichern damit zu suggerieren, der Ansturm aus dem Nachbarland habe die Unis ganz unvermittelt getroffen, grenzt an Unverschämtheit. Dem ist nicht so - und das weiß Hahn auch. Mit der Rhetorik von der Notbremse will er vertuschen, dass seine Partei - die seit Jahren die Hochschulagenden in der Regierung überhat - die Unis in puncto Studienplätze und Lehre zu wenig auf den offenen europäischen Hochschulraum vorbereitet hat.
Denn seit jeher ist im Ministerium bestens bekannt, dass die Zahl der deutschen Studenten kontinuierlich steigt - und heuer wieder ein neuer Höchststand erreicht wird. Die in Deutschland anstehende Verkürzung der Gymnasialzeit hat die Regierung in Berlin ebenso wenig verheimlicht. Diese wird dazu führen, dass zwei Abiturientenjahrgänge gleichzeitig nach Österreich drängen.
Statt sich jedoch adäquat auf den Zuzug junger, gebildeter Menschen -wie er in einem gemeinsamen europäischen Hochschulraum wünschenswert ist - vorzubereiten, hat man in Österreich Warnungen in den Wind geschlagen. Dass die Quotenregelung, die im Medizinstudium die Zahl der EU-Ausländer - und damit der Deutschen - auf 20 Prozent limitiert, gleichheitswidrig und abzuschaffen sei, hat die EU schon vor Jahren mitgeteilt. Österreich hatte es verabsäumt, bei den Beitrittsverhandlungen eine Sonderregelung auszuhandeln. Die EU, die mit französischen Studenten in Belgien ein ähnliches Problem hat, schaltet auf stur. Die Schonfrist, die die Kommission eingeräumt hat, bevor 2012 eine Klage vor dem EuGH droht, hat die Regierung wiederum dazu genützt, genau gar nichts zu tun. Nachhaltige Lösungen für den Umgang mit ausländischen Studenten, von deren Verbleib im Land wir durchaus profitieren würden, wollte sich keine Partei einfallen lassen.
Die Nachhaltigkeit ist es auch, an der es jetzt bei Hahns neuem Mantra von Studiengebühren und Zugangsbeschränkungen mangelt. Per se ist am Vorschlag, Gebühren (gepaart mit einem effizienten Beihilfensystem) einzuführen, um die Studiendauer zu verkürzen und die Absolventenquote zu erhöhen, nichts auszusetzen. Schließlich hat das bereits funktioniert - bis SPÖ, FPÖ und Grüne die De-facto-Abschaffung in einem Akt des Populismus vor der Wahl 2008 durchs Parlament gepeitscht haben. Die ÖVP hat zwar nicht mitgestimmt, glänzt aber seither durch Konzeptlosigkeit.Sie begnügt sich damit, den Studiengebühren nachzutrauern. Auch mit der Idee von noch mehr Zugangsbeschränkungen wird in einem Land, das unter niedrigen Akademikerquoten leidet, langfristig kein Staat zu machen sein.
Was hier fehlt, ist eine Vision. Oder zumindest der "Österreichische Hochschulplan", den die ÖVP seit Jahr und Tag verspricht, und der bis heute auf sich warten lässt. Was moderne Unis leisten müssen und ob sie nicht über eine vernünftige Studienplatzbewirtschaftung finanziert werden sollten, bleibt unklar. Ebenso ungelöst ist die Frage nach einem sinnvollen Miteinander von FH und Unis oder nach der Profilschärfung des Bachelorabschlusses. Was den Vorwurf der Konzeptlosigkeit noch schwerer wiegen lässt? Dass es genau jener Vorwurf ist, den die ÖVP auch gern gegen die SPÖ erhebt - derzeit in Sachen Schulreform gegen Unterrichtsministerin Claudia Schmied. Sie aber ist zumindest um Fortschritt bemüht, während sich Hahn erst zu Visionen aufraffen muss. Er steht damit der SPÖ - die sich ideologisch auf den freien Hochschulzugang versteift, sich sonst aber überhaupt weitgehend von der Uni-Politik abgemeldet hat - auch nicht viel nach.
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OTS0049 2009-10-18/18:32
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