OTS0309 / 24.09.2009 / 19:19 / Channel: Politik / Aussender: Parlamentsdirektion
Stichworte: Literatur / Parlament / Prammer


Für die, die ohne Stimme sind Festveranstaltung der Theodor Kramer Gesellschaft im Hohen Haus =


   Wien (PK) - Nationalratspräsidentin Barbara Prammer lud heute Abend 
aus Anlass des 25jährigen Bestehens der Theodor Kramer Gesellschaft, 
die sich um Kenntnis und Verbreitung österreichischer Exilliteratur 
verdient macht, zu einem Festakt ins Hohe Haus.
Prammer erinnerte eingangs daran, dass sie bereits 2008 mit der 
Gesellschaft eine Veranstaltung ausgerichtet habe, die ob der großen 
Teilnehmerzahl in den Plenarsaal habe verlegt werden müssen. Dies sei 
auch diesmal der Fall, da das Interesse an der Thematik erfreulich 
groß sei. Die heutige Veranstaltung sei gleichsam der Auftakt zu den 
Feierlichkeiten anlässlich 25 Jahre Kramer Gesellschaft, und ein 
Symposion, das in den folgenden Tagen stattfinde, werde die Themen, 
derer sich die Gesellschaft angenommen habe, noch vertiefen.
Kramer habe die Tätigkeit der Gesellschaft durch sein Wirken und 
seine Persönlichkeit geprägt. Das Exil, das "Fremdsein in einem 
Land", das "nicht Dazugehören" seien die Themen, mit denen sich die 
Kramer Gesellschaft auseinandersetze. Es gebe an dieser Stelle eine 
Verantwortung Österreichs, die im Hier und Jetzt wahrgenommen werden 
müsse.
Die Republik sei in dieser Frage leider lange säumig gewesen, die 
Kramer Gesellschaft aber habe einen ganz wichtigen Baustein gelegt, 
denn sie holte die Künstlerinnen und Künstler gedanklich nach Hause 
und gab sie Österreich so zurück. Die offizielle Unterstützung setzte 
leider erst spät ein, und sie sei, so Prammer, immer noch 
entwicklungsfähig.
Verfolgung, Vertreibung und Flucht stünden auch heute noch auf der 
Tagesordnung, und umso wichtiger sei es, aus der Geschichte Lehren zu 
ziehen und die Grundfesten der Demokratie zu verteidigen und 
auszubauen. Es müsse gelingen, aus der Vergangenheit jene Kraft zu 
schöpfen, sich der gemeinsamen Verantwortung zu stellen, und so sei 
an dieser Stelle auch ein Auftrag wahrzunehmen, nämlich die Stimmen 
der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen in jenes Gebäude zu holen, welches 
das Zentrum der Demokratie ist. Dies sei heute erneut der Fall und 
werde auch in Zukunft so sein, schloss Prammer.
Karl Müller, der Vorsitzende der Gesellschaft, erklärte, es habe fast 
40 Jahre gedauert, ehe 1984 erstmals der Versuch unternommen wurde, 
dem Exil und seinen Leistungen entsprechenden Raum zu geben. Dabei 
tat sich ein beachtlicher Kosmos von Autorinnen und Autoren auf, und 
so wurde schnell klar, dass die Literaturgeschichte dieses Landes neu 
geschrieben werden musste.
Heute sei die Gesellschaft eine der wichtigsten literarischen 
Vereinigungen des Landes, ihre Arbeit öffne viele 
Erkenntnisschleusen, Forschung und Lehre erhielten durch sie neue 
Impulse. Die Dimension des Exils auch weiter in das Bewusstsein des 
Landes zu rücken, habe sich die Gesellschaft zur Aufgabe gestellt, 
kündigte Müller eine Fortsetzung des bisherigen Weges an.
Nach einer Grußbotschaft von Elfriede Jelinek erinnerte die 
stellvertretende Vorsitzende der Gesellschaft Siglinde Bolbecher an 
die Ursprünge der Kramer Gesellschaft, ehe der Schriftsteller Robert 
Schindel das Wirken der Kramer Gesellschaft aus der Sicht der 
Literatur und Universitätsprofessor Hans Höller selbiges aus der 
Sicht der Wissenschaft beleuchtete. Abgerundet wurde die 
Veranstaltung mit einer Lesung des Schauspielers Otto Tausig, der 
Texte von Theodor Kramer, Jura Soyfer und Berthold Viertel vortrug.
Die Gesellschaft
Vor fast genau 25 Jahren, am 6. März 1984, wurde die Theodor Kramer 
Gesellschaft gegründet, um Leben und Werk Theodor Kramers zu 
erforschen und zur Verbreitung der Literatur des Exils und des 
Widerstandes beizutragen. Erster Vorsitzender war der 
Nachlaßverwalter Kramers, Erwin Chvojka, dem Kuratorium der 
Gesellschaft gehörten unter anderen Bruno Kreisky, Erich Fried und 
Hilde Spiel an. Die erste Nummer der Zeitschrift "Mit der 
Ziehharmonika", heute "Zwischenwelt. Zeitschrift für Kultur des Exils 
und des Widerstands", die sich inzwischen zu einem international 
anerkannten wissenschaftlichen Forum der Exilliteratur entwickelt 
hat, erschien im Mai 1984.
1987 erweiterte sich der Interessensbereich der Gesellschaft in 
Richtung stärkerer Berücksichtigung der gesamten österreichischen 
Exilliteratur. Seit 1990 gibt die Theodor Kramer Gesellschaft das 
Jahrbuch "Zwischenwelt" heraus. Der Verlag entstand 1995 aus der 
Notwendigkeit, aus Österreich vertriebenen Autorinnen und Autoren 
eine Möglichkeit zur Publikation ihrer Werke zu bieten. Wichtig ist 
der Gesellschaft dabei auch der kritische Blick, den Exilierte oder 
aus dem Exil Zurückgekehrte auf das Land ihrer Herkunft werfen. Die 
Gesellschaft hat bisher eine Reihe wissenschaftlicher Symposien und 
viele kulturelle Veranstaltungen abgehalten.
Theodor Kramer (1897-1958)
Theodor Kramer wurde am 1. Januar 1897 als Sohn des jüdischen 
Dorfarztes in Niederhollabrunn im niederösterreichischen Weinviertel 
geboren. Er absolvierte die Mittelschule in Wien mit der Matura, 
wurde im Ersten Weltkrieg schwer verwundet und diente bis Kriegsende 
als Offizier in der österreichischen Armee. Ein anschließendes 
Studium der Germanistik und Staatswissenschaften brach er ab und 
arbeitete in der Folge zunächst als Beamter, Buchhändler und 
Vertreter für Bücher. Ab 1931 lebte er als freier Schriftsteller. Er 
schrieb ausschließlich Lyrik, errang große Erfolge und wurde im 
ganzen Deutschen Sprachraum bekannt.
Nach dem Anschluss Österreichs an das Dritte Reich wurde Kramer als 
Jude ein Arbeits- und Berufsverbot auferlegt. 1939 gelang es ihm 
unter großen Schwierigkeiten nach London zu emigrieren, wo er 1946 
die britische Staatsbürgerschaft erhielt. 1940 bis 1941 war er als 
"feindlicher Ausländer" interniert. Er fand 1943 in Guildford eine 
Anstellung als College-Bibliothekar, der er bis 1957 verpflichtet 
blieb. Er war Vorstandsmitglied des Österreichischen Exil-P.E.N.-
Clubs und stand in engem Kontakt zu Kollegen wie Elias Canetti, Erich 
Fried und Hilde Spiel. In den 1950er Jahren vereinsamte er immer mehr 
und erkrankte. 1957 wurde er auf Intervention von Freunden nach Wien 
zurückgeholt, wo er eine Ehrenpension erhielt. Er starb am 3. April 
1958, unglücklich und wenig beachtet, in Wien und wurde auf dem 
Zentralfriedhof in einem ehrenhalber gewidmeten Grab beigesetzt.
Kramers Werk geriet in Vergessenheit. Seine liedhafte, jedoch 
unromantische Lyrik schöpft Kraft und Poesie aus einem sinnlich 
erfassten Milieu der Außenseiter: der Proletarier, Landstreicher, 
Handwerker, Knechte und Prostituierten. Kramer schrieb einfühlsame 
Rollengedichte und eigenwillige Landschaftslyrik, literarische 
Vorbilder waren dabei neben anderen Georg Trakl und Bertolt Brecht. 
Der Nachlass Kramers umfasst mehr als 10.000 Werke, von denen viele 
unveröffentlicht sind.
2005 edierte der Zsolnay-Verlag eine dreibändige Werkausgabe Kramers. 
Zu seinem Gedenken vergibt die Theodor Kramer Gesellschaft 
alljährlich den "Theodor Kramer Preis", mit dem unter anderen Stella 
Rotenberg, Milo Dor und Jakov Lind ausgezeichnet wurden.
HINWEIS: Fotos von dieser Veranstaltung finden Sie - etwas 
zeitverzögert - auf der Website des Parlaments im Fotoalbum: 
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