OTS0217 / 24.09.2009 / 13:35 / Channel: Wirtschaft / Aussender: ORS Österreichische Rundfunksender GmbH & Co KG
Stichworte: Innovationen / Technologie


Studie zu Digitaler Dividende: Volkswirtschaftlicher Nutzen einer Umwidmung der Frequenzen in Österreich zweifelhaft


   Wien (OTS) - Wien, 24. September 2009 - Durch die Abschaltung des
analogen Fernsehens im Rahmen der TV-Digitalisierung werden
Rundfunkfrequenzen frei. Mögliche Nutzer des Frequenzspektrums sind
die Rundfunkbranche, die diese Frequenzen für die Weiterentwicklung
ihrer Services benötigt, und die Mobilfunkbranche zum Ausbau von
mobilem Breitbandinternet. Ungeklärt sind erhebliche
Umstellungskosten und das massive Störpotenzial durch den Mobilfunk
für das Fernsehen sowie für alle in Verwendung stehenden
Funkmikrophone, Funkkopfhörer und drahtlose Hörhilfen, die in
Österreich ebenfalls das Frequenzband von 790 bis 862 MHz nutzen. 
Eine nun erstmals für Österreich erstellte volkswirtschaftliche
Vergleichsstudie zeigt auf, dass eine frühzeitige Umwidmung der
Frequenzen vor Sicherstellung zukunftsfähiger alternativer Lösungen
für alle heutigen Nutzer sehr riskant ist. Umrüstungskosten für die
betroffenen Branchen in Höhe von zumindest 150 Millionen Euro sind zu
erwarten.

   Die Notwendigkeit, ländliche Gebiete mit schnellem
Breitbandinternet (50 bis 100 Mbit/s) zu versorgen, ist eine zentrale
politische Forderung der Europäischen Union. Dieses Vorhaben zu
verwirklichen, hat hohe politische Relevanz, da in der
Informationsgesellschaft die Kluft zwischen Stadt und Land immer
weiter auseinander zu driften droht. Zahlreiche wissenschaftliche
Feldversuche haben jedoch ergeben, dass eine Versorgung des
ländlichen Raums mit mobilem Breitbandinternet dieser Geschwindigkeit
(50 bis 100 Mbit/s) durch den Mobilfunk über Rundfunkfrequenzen auch
mit den neusten Technologien wie LTE (Long Term Evolution) für eine
größere Anzahl von Nutzern nicht annähernd zu verwirklichen ist. 

Die aktuelle Studie des Telekomexperten Dr. Ernst-Olav Ruhle im
Auftrag von Rundfunkanbietern, Kabelnetzbetreibern und
Sekundärnutzern der professionellen Drahtlostechnologie untersucht
die volkswirtschaftlichen Auswirkungen einer Vergabe der Digitalen
Dividende für Österreich. Das Frequenzspektrum 790 bis 862 MHz wird
einerseits von der Rundfunkbranche für den Ausbau des hochauflösenden
Fernsehens HDTV, für die Weiterentwicklung von DVB-T zu DVB-T 2 und
für alle mobilen Lösungen des Fernsehens für Handy und im Auto
benötigt. Andererseits fordert es die Mobilfunkbranche für den Ausbau
von mobilem Breitband. Weiters betroffen sind alle, die das
Frequenzband heute nutzen: Kultur- und Sportveranstalter und
Tonstudios, die Funkmikrophone und Funkkopfhörer verwenden, sowie die
Träger von drahtlosen Hörhilfen. 

Hohes Störpotenzial, erhebliche Kosten
   Mit einer möglichen Vergabe der Frequenzen an den Mobilfunk wären
ein drastisches Störpotenzial und erhebliche Umstellungskosten
verbunden. Funkmikrophone, Funkkopfhörer und drahtlose Hörhilfen
würden auf anderen Frequenzen nicht mehr funktionieren und müssten
neu entwickelt werden. Auch die Rundfunkbranche und
Kabelnetzbetreiber wären von massiven Störungen des TV-Bilds durch
eine Vergabe der Frequenzen an den Mobilfunk betroffen. 

   Bei den Migrationskosten für die Umstellung und Entwicklung neuer
Produkte kann man von einer grob geschätzten Höhe von 150 Millionen
Euro in Österreich ausgehen. Dies ist allerdings der untere Rand der
Ergebnisse, der noch erheblich übertroffen werden könnte. Die
Kabelnetzbetreiber und mit ihnen 1,2 Million Kunden sind laut der
vorliegenden Studie zumindest mit 95 Millionen Euro, die
Rundfunkanbieter mit 17 Millionen Euro und die Sekundärnutzer
professioneller Drahtlostechnologie mit 38 Millionen Euro betroffen.
Der Umstellungsbedarf trifft insgesamt nicht nur die Industrie,
sondern auch eine große Zahl an Endverbrauchern.

Volkswirtschaftlicher Nutzen
   Die vorliegende Studie untersucht in erster Linie den
volkswirtschaftlichen Nutzen einer möglichen Widmung der
Rundfunkfrequenzen. Mobilfunklösungen sind in Bezug auf
Breitbandanschlüsse aufgrund der beschränkten Geschwindigkeit nur
Übergangslösungen, da aufgrund steigenden Bandbreitenbedarfs mittel-
bis langfristig eine Anbindung über leistungsfähige Festnetze auf der
Basis von Glasfaserleitungen notwendig sein wird. Gegen einen
wirklich substanziellen Nutzen von Breitbanddiensten im Bereich 790
bis 862 MHz spricht die Tatsache, dass die zu realisierende
Bandbreite und die Anzahl der parallelen Nutzer begrenzt ist. Derzeit
können 375 bis 750 Nutzer pro Sektor und Betreiber mit bis zu 6
Mbit/s auf der Basis von 25 MHz versorgt werde. Durch zukünftige
Technologieverbesserungen (LTE) sind zwar Steigerungen möglich, aber
bei weitem nicht in dem von der EU geforderten Ausmaß von 50 bis 100
Mbit/s für einen breiteren Nutzerkreis. 

   Andere Breitbandangebote ermöglichen schon heute deutlich höhere
Bandbreiten. Von daher drängt sich die Frage auf, ob Breitbanddienste
auf der Basis der Frequenzen im Bereich 790 bis 862 MHz wirklich
einen Markterfolg und dadurch einen bedeutenden volkswirtschaftlichen
Nutzen erzielen. Dabei ist die zeitliche Perspektive zu beachten,
denn die Anforderungen der Kunden an Bandbreite sind in den letzten
wenigen Jahren stark angestiegen. Die über mobiles Breitband
leistbaren Bandbreiten werden daher zum Zeitpunkt einer möglichen
Zuteilung der Frequenzen nicht mehr marktfähig sein. Dem Ausbau von
mobilem Breitbandinternet stehen zudem neben der Nutzung des
notwendigen Glasfaserausbaus auch ausreichende Alternativtechnologien
wie Kabelnetze, VDSL, Funklösungen, Satellit und UMTS zur Verfügung.

Die Umstellungskosten für betroffene Branchen
   Die höchsten Kosten bei einer Umwidmung der Frequenzen an die
Mobilfunkbranche fallen für die Rundfunkanbieter (vorsichtig
geschätzte Kosten von 17 Millionen Euro) und Kabelnetzbetreiber
(vorsichtig geschätzte Kosten von 95 Millionen Euro) an, dabei sind
auch die Kosten für Endkunden beinhaltet, die Endgeräte austauschen
müssen. Für den Rundfunk gibt es keine alternativen Frequenzen, die
bestehenden sind für die Entwicklung dieser Branche lebensnotwendig.
Neben den Störungen des TV-Bilds, die in erster Linie den
TV-Konsumenten treffen würde, würden vor allem die
Entwicklungsperspektiven des Rundfunks deutlich eingeschränkt werden.
Die Zukunftstechnologie hochauflösendes Fernsehen (HDTV) benötigt
deutlich zusätzlichen Frequenzbedarf. Alle mobilen Lösungen des
Fernsehens erfordern eine Weiterentwicklung von DVB-T-Standards.
Mobiles Fernsehen auf dem Handy und im Auto hätte in Österreich keine
Zukunft mehr. Dazu kommt eine höhere Programmvielfalt für das
digitale Antennenfernsehen DVB-T, die ohne die Digitale Dividende
nicht möglich ist. Der eigentliche Schaden dieser Branchen geht daher
über die anfallenden Kosten im engeren Sinn noch deutlich hinaus.

   Die Migrationskosten für die betroffenen Branchen der Hersteller
und Nutzer von Funkmikrophonen, Funkkopfhörern und drahtlosen
Hörhilfen fallen mit einer geschätzten Höhe von mindestens 38
Millionen Euro deutlich aus. Betroffen sind alle Kultur- und
Sportveranstalter von den Salzburger Festspielen bis zum kleinen
Feuerwehrfest, von der Seebühne Mörbisch bis zum Tontechnikstudio.
Der Public Value des Rundfunks und von Kultur- und
Sportveranstaltern, die diese Frequenzen für professionelle
Drahtlostechnologien nutzen, ist schwer zu bemessen, wird aber trotz
seines hohen Potenzials in den öffentlichen Debatten in der Regel
vernachlässigt. Dazu zählen unter anderem Bildung und
Meinungsbildung, informierte Demokratie, kultureller Mehrwert und
kulturelle Vermittlung, Lebensqualität oder soziale Beziehungen und
Beteiligung an sozialen Prozessen.

Die volkswirtschaftliche Nutzenabwägung
   Bringt man diese erheblichen Kosten benachbarter Branchen vom
Kostenvorteil der Mobilfunkbranche durch Investitionen in einen, was
die erzielbaren Bandbreiten betrifft, nicht zukunftsfähigen Ausbau
von mobilem Breitbandinternet über Rundfunkfrequenzen in Abzug, gerät
der volkswirtschaftliche Nutzen einer möglichen Umwidmung von
Rundfunkfrequenzen stark in Zweifel. Berücksichtigt man die
Beeinträchtigung eines deutlichen, aber schwer bezifferbaren Public
Value von Leistungen der Rundfunkbranche und von Kultur- und
Sportveranstaltern zusätzlich, sinkt der volkswirtschaftliche Nutzen
weiter. 

"Qualität vor Zeit"
   Die vorliegende Studie zeigt auf, dass die Entscheidungsgrundlagen
für die zukünftige Verwendung des Frequenzspektrums keineswegs auf
der Hand liegen. Zwar gilt der Grundsatz, dass ein derart wichtiger
Produktionsfaktor für die Volkswirtschaft nicht brachliegen darf,
aber eine sinnvolle Entscheidung kann nicht getroffen werden, ohne
dass alle möglichen Effekte auch in anderen Frequenzbereichen und für
andere Dienstleistungen so berücksichtigt werden, dass neutral
(sowohl gegenüber Technologien als auch gegenüber Geschäftsmodellen)
entschieden wird. Dies setzt eine transparente, umfassende und alle
Wechselwirkungen berücksichtigende Analyse und Kosten-Nutzen-Rechnung
voraus - und zwar vor einer Entscheidung. Bei der anstehenden
Entscheidung ist in zeitlicher Hinsicht auch zu berücksichtigen, dass
vor allem die östlichen Nachbarstaaten Österreichs mit der Umstellung
und den Zeitplänen weniger rasch voranschreiten und von daher der
Zeitdruck auf Österreich geringer ist, weil aufgrund der
grenzüberschreitenden Wechselwirkungen und potentiellen Störungen die
Entscheidungen nicht voneinander entkoppelt werden können. 

   Entscheidungen in Zentral- und Osteuropa sind abzuwarten 
Viele EU-Staaten diskutieren die Digitale Dividende und ihre
Strategie dazu. In einigen Ländern sind Entscheidungen schon
gefallen, aber in vielen Mitgliedstaaten stehen Entscheidungen noch
aus. Insbesondere in den EU-Ländern in Zentral- und Osteuropa stellen
sich noch viele Fragen der Koordination. Dies beeinflusst die
Entscheidung und die Nutzung in anderen EU-Staaten. So haben die
Vorgehensweisen in Ungarn und der Slowakei erheblichen Einfluss auf
die Digitale Dividende in Österreich. Es gibt daher keinen
"Mechanismus", dem Österreich folgen müsste. 

   Eine für die EU-Kommission erstellte Studie rechnet selbst mit
einem Referenzszenario, in dem nur 16 Mitgliedstaaten bis 2015 das
Frequenzspektrum von 790 bis 862 MHz neu vergeben. Ein Zeitpunkt vor
2015 wird auch von der EU-Kommission als unrealistisch angesehen. Die
EU-Kommission plant zwar Schritte für ein gemeinsames Handeln, betont
aber, dass der Umgang mit der Digitalen Dividende letztlich eine
politische Entscheidung jedes einzelnen Mitgliedstaates ist. 

   Dazu Studienautor Ruhle: "Gerade in Österreich wäre der
volkswirtschaftliche Nutzen durch eine Umwidmung der Frequenzen
zugunsten des Mobilfunks jedenfalls nicht höher als bei einer Nutzung
durch den Rundfunk. Hohe Investitionen in mobiles Breitband über
Rundfunkfrequenzen bergen in Österreich auf längere Sicht das Risiko
einer Fehlinvestition, da vom eigentlichen Thema des Glasfaserausbaus
abgelenkt wird und sich die Kluft zwischen Stadt und Land dadurch nur
weiter erhöhen würde."

   Die Studie steht zum Download zur Verfügung:
www.ors.at/tv-bild-in-gefahr/

Rückfragehinweis:

~
   Dr. Ernst-Olav Ruhle
   Studienautor 
   E-Mail: ruhle@sbr-net.com, 
   Tel.: +43 1 513 51 40-0
   
   Ing. Alexander Kränkl 
   Unternehmer, WKO - Landesinnung Wien, Elektro- und Alarmanlagentechnik sowie Kommunikationselektronik
   E-Mail: alexander.kraenkl@grothusenav.com, 
   Tel.: +43 1 979 0 000-31
   
   Dr. Alois Ecker
   Mitglied des Vorstands Kabelsignal AG
   E-Mail: alois.ecker@kabelsignal.at, 
   Tel.: +43 2236 455 64-200
   
   Mag. Michael Wagenhofer
   Geschäftsführer ORS
   E-Mail: michael.wagenhofer@ors.at, 
   Tel.: +43 1 870 40-12680
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