• 26.07.2009, 14:59:42
  • /
  • OTS0030 OTW0030

Indische Expertin warnt vor Kollaps des Ökosystems

"Fachtagung Weltkirche" über Schöpfungsverantwortung im oberösterreichischen Stift Lambach

Linz, 26.07.2009 (KAP) Wenn sich im weltweiten Wirtschaftssystem in
Zukunft nichts ändert, wird das Ökosystem unweigerlich kollabieren.
Davor hat die indische Bürgerrechtlerin Vandana Shiva bei der
"Fachtagung Weltkirche" im oberösterreichischen Stift Lambach
gewarnt. Die Tagung hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die
Zusammenhänge zwischen Wirtschafts- und Umweltkrise herauszuarbeiten
und neue Perspektiven für eine tragfähige Schöpfungsverantwortung zu
entwickeln. Vandana Shiva, Trägerin des Alternativen Nobelpreises
und Mitgründerin von "Navdanya", einer NGO zur Förderung von
Biodiversität, biologischem Landbau und Rechten der Bauern,
kritisierte u.a. die immer größer werdende Macht der multinationalen
Konzerne.

Die 1952 in Dehra Dun geborene indische Physikerin, Öko-Feministin,
Bürgerrechtlerin und "Club of Rome"-Mitstreiterin arbeitet in ihrer
Heimat Indien an verschiedenen Projekten wie einer Saatgutbank. 95
Prozent des weltweiten Saatgutes seien in der Hand eines
Unternehmens, das sein Saatgut so manipuliere, dass das geerntete
Produkt nicht mehr als zukünftiges Saatgut dienen kann, da durch
eine genetische Veränderung die Saat nach der Ernte unfruchtbar
werde, berichtete Shiva.

Bischof Luciano Capelli von der Diözese Gizo auf den Salomon-Inseln
zeigte die dramatischen Auswirkungen des Klimawandels in seiner
Lebenswelt auf. So wurden die Salomon-Inseln am 2. April 2007 von
einem gewaltigen Tsunami heimgesucht, wodurch große Teile der
Inselgruppe verwüstet wurden. Diese Katastrophe war laut Capelli
eine direkte Auswirkung des Klimawandels, denn durch die Anhebung
des Meeresspiegels komme es zu Erdbeben und in Folge auch zu
riesigen Tsunamiwellen. Besonders der pazifische Raum sei auf Grund
seines fragilen Ökosystems besonders gefährdet. Es sei absolut
ungerecht, "dass es immer die am Härtesten trifft, die am wenigsten
mit der Verursachung zu tun haben", spielte Capelli auf die
Abgeschiedenheit der Inselgruppe der Salomonen im Pazifik an.

Die Medien hätten dem Tsunami-Unglück in Ozeanien kaum
Aufmerksamkeit geschenkt, bedauerte Bischof Capelli. Er bedankte
sich vor allem bei "Jugend Eine Welt" und der
"Missions-Verkehrsarbeitsgemeinschaft" (MIVA), die den Menschen auf
den Salomon-Inseln das Gefühl geben, "integriert zu sein". Denn es
gebe kein schlimmeres Gefühl als das, isoliert und von der Außenwelt
abgeschnitten zu sein. Die Aufbauarbeiten nach dem Tsunami gingen
nur äußerst langsam von statten, deswegen sei man für jede helfende
Hand dankbar. Volontäre seien auf den Salomon-Inseln stets
willkommen, betonte Bischof Capelli.

Für einfacheren Lebensstil

Der Rektor der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz,
Prof. Michael Rosenberger, stellte in seinen Ausführungen
"schöpfungsverträgliche Lebensstile in der einen Welt" vor. Die
technische Entwicklung habe in den letzten Jahren viele positive
Ergebnisse gebracht, so Rosenberger, zugleich habe der Lebensstil
der westlichen Gesellschaften dieses Einsparungspotential durch
überhöhten Aufwand wieder zunichtegemacht.

Der CO2-Ausstoß sei global ebenso ungleich verteilt wie der
Reichtum, kritisierte Rosenberger. Die industrialisierten
Gesellschaften versuchten, ihr Vorrecht auf höheren Energiebedarf
auch politisch aufrecht zu erhalten, wie die Verhandlungen der G 8
unlängst gezeigt hätten. Für den Moraltheologen sind die Religionen
mit ihrem spirituellen Potenzial daher gefordert, Haltungen wie
Ehrfurcht vor der gesamten Schöpfung, Dankbarkeit, Maßhalten, Demut
und Opferbereitschaft als gesellschaftliche Praxis vorzuleben.

Für eine Veränderung der Gesellschaften hin zu einer
umweltverträglichen Lebenspraxis bezeichnete Rosenberger das
Beispiel von Ordensgemeinschaften als zentral. Er rief zu einem
einfacheren Lebensstil auf; die Bedeutung liege nicht zuerst auf den
einschränkenden Seiten einer solchen neuen Einfachheit, sondern
vielmehr auf der neu zu gewinnenden Freiheit und Sinnhaftigkeit.

Bisherige Entwicklungskonzepte gescheitert

Karl Kumpfmüller vom Institut für Wirtschafts-, Sozial- und
Unternehmensgeschichte der Universität Graz analysierte das gängige
Konzept von "Entwicklung", das er als gescheitert ansah.
"Entwicklung" bedeute, die "unterentwickelten" Gesellschaften nach
dem Modell Europas und der USA zu gestalten. Dazu seien ab 1960
verschiedene Entwicklungsprogramme vorgeschlagen worden, die
allesamt fehlschlugen. Kumpfmüller: "Nach 50 Jahren
Entwicklungshilfe müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass die Migranten
allein aus unseren Ländern zweieinhalb Mal so viel Geld in ihre
armen Länder überweisen wie die gesamte Entwicklungshilfe der
Industrienationen ausmacht".

50 Jahre Entwicklungshilfe hätten die Ungleichheit auf der Welt und
die Kluft zwischen Armen und Reichen nur noch vergrößert.
Kumpfmüller plädierte daher für eine neue Definition von
"Entwicklung", die vor allem die Durchsetzung der Menschenrechte für
alle Menschen beinhalte.

Der Abt von Stift Lambach, Maximilian Neulinger, konnte rund 150
Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei der Fachtagung begrüßen.
Organisiert wurde das Symposion von den Frauen- und Männerorden
zusammen mit der "Koordinierungsstelle der Österreichischen
Bischofskonferenz für Entwicklung und Mission" (KOO), "Jugend Eine
Welt", den Steyler Missionaren und der
"Missions-Verkehrsarbeitsgemeinschaft" (MIVA).

(ende)
nnnn

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | KAT

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel