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OTS0276 / 19.03.2009 / 19:43 / Channel: Politik / Aussender: Kleine Zeitung
Stichworte: Pressestimmen / Recht / Vorausmeldung


"Kleine Zeitung" Kommentar: "Ein kurzer Prozess, 24 Jahre im Zeitraffer heruntergespult" (von Doris Piringer)

Utl.: Ausgabe vom 20.03.2009 =


   Graz (OTS) - Manche Medien haben vom so genannten
"Jahrhundert-Prozess" berichtet, was für ein Unsinn im Jahr 2009.
Aber das ist wohl der geringste Einwand, der einem zu dieser
monströsen Causa Josef F. einfällt. Ganz anderes stößt einem auf: Am
Montag dieser Woche hat man den Anklagevortrag gehört, am Dienstag
gar nichts, am Mittwoch war die psychiatrische Sachverständige am
Wort, nur kurz verlesen wurde ein technisches Gutachten, gestern die
Plädoyers und am frühen Nachmittag das Urteil. Immerhin eine
lebenslange Freiheitsstrafe.
Ein erstaunliches Tempo hat das Gericht vorgelegt: Mord,
Sklavenhandel, Vergewaltigung, Freiheitsentziehung, Nötigung und
Blutschande, heruntergespult wie in einem Zeitraffer. 24 Jahre
Kellerdasein im Handumdrehen erledigt.
Selbstverständlich, und das muss man nicht extra betonen, wird auf
das Hauptopfer besondere Rücksicht genommen. Selbstverständlich hat
die Öffentlichkeit bei diesen Aussagen in einem Gerichtssaal nichts
verloren.
Nur: Es geht in dieser Causa nicht nur um ein schweres
Sexualverbrechen. Es geht auch um sehr banale und praktische Fragen,
die dem Angeklagten von niemandem gestellt worden sind und die mit
der Wahrung der Intimsphäre oder dem Opferschutz rein gar nichts zu
tun haben.
Ein Beispiel: Auf welche Weise hat Josef F. eine 300 Kilo schwere
Türe ins Verlies geschafft? Wie konnte er diese Türe montieren?
Allein? Oder hat ihm jemand geholfen? Es wurde auch nicht näher
erläutert, wie ein "Zeitschaltmechanismus" funktioniert haben soll,
der den Eingang in den Keller gesichert hat. Festgehalten wurde
lediglich, dass die Türe von innen nicht zu öffnen war und die Opfer
keine Überlebenschance gehabt hätten, wäre Josef F. nicht regelmäßig
in den Keller gekommen. 
Noch etwas: Jahrelang lebten vier Menschen in diesem Verlies. Wie
wurden die versorgt? Wo hat Josef F. Lebensmittel und den sonstigen
Bedarf für seine Schattenfamilie besorgt? Und wie und wo den Müll
entsorgt? Niemandem, überhaupt niemandem ist etwas aufgefallen?
Nichts gesehen, nichts gehört? Braver, anständiger Bürger, das
reicht?
Von den drei "Findelkindern", die vor der Haustüre abgelegt wurden,
einmal ganz zu schweigen. Warum sollte das einer Behörde auffallen?
All diese Fragen wurden in diesem Gerichtsverfahren völlig
ausgeklammert. Als hätten sie mit der Causa Josef F. nichts zu tun.
Von einer umfassenden Aufklärung dieses Falles kann wohl keine Rede
sein.****
Rückfragehinweis:
   Kleine Zeitung
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