"Kleine Zeitung" Kommentar: "Mysterium des Anfangs" (Von Thomas Götz)

Ausgabe vom 4.01.2009

Graz (OTS) - Darwin zu feiern ist fast schon wieder ein Akt des Mutes geworden. Zwei Drittel der Amerikaner lehnen seine Evolutionstheorie ab, immerhin ein Drittel der Deutschen zweifelt laut Umfragen daran. Wie es bei uns aussieht, wissen wir nicht, und das ist vielleicht auch besser so.
Sein Name steht für die größte Erschütterung, die falsche religiöse Gewissheiten seit Kopernikus erlitten haben. Hatte
der Astronom die Erde aus der Mitte des Universums verbannt, so schien Darwin den Menschen seiner Sonderposition in der Schöpfung zu berauben.
Es war ein langsamer Prozess fortschreitender Ernüchterung. Unterwegs auf der "Beagle" war das Weltbild des jungen Forschers noch stabil wie das seiner Zeitgenossen. Jedes Lebewesen hatte seinen Platz darin und das seit Anbeginn der Welt. Die Vollkommenheit der Geschöpfe galt als Beweis der Vollkommenheit ihres Schöpfers. Darwin entdeckte Webfehler, die Quelle von Neuem und Überraschendem im Genpool. Das statische Bild der Welt war nicht mehr haltbar. Das neue schien unvereinbar mit dem Glauben an einen Schöpfergott, ein Skandal. Darwin verstand die Aufregung nicht: "Ich sehe keinen vernünftigen Grund, warum die in diesem Werke entwickelten Ansichten irgendwie religiöse Gefühle verletzen sollten", schreibt er. "Es ist wahrlich etwas Erhabenes um die Auffassung, dass der Schöpfer den Keim alles Lebens, das uns umgibt, nur wenigen oder gar nur einer einzigen Form eingehaucht hat", steht am Ende seines revolutionären Buchs "Die Entstehung der Arten", das vor 150 Jahren erschienen ist. Wenn ihm Gott trotzdem immer mehr abhanden kam, hatte das wenig mit seiner Theorie und viel mit schlechter Theologie zu tun.
Als Nächstes geht Darwin, der als junger Mann noch Priester werden wollte, der Glaube an die Offenbarung der Bibel verloren. Ein Buch, das so viel offenkundig Falsches über die Entstehung der Welt behaupte, könne auch sonst nicht verlässlich sein, argumentierte er. Am Ende seines Lebens bleibt namenloser Respekt vor der Größe der Welt: "Das Mysterium vom Anfang aller Dinge können wir nicht aufklären; und ich jedenfalls muss mich damit zufriedengeben, Agnostiker zu bleiben", schreibt er in "Mein Leben".
Der Kampf gegen Darwin offenbart die Schwäche seiner Gegner. Statt sogleich daranzugehen, aufgrund seiner Erkenntnisse ein neues Verständnis der biblischen Schöpfungserzählung zu entwickeln, ging man dem Mann an den Pelz. Das Rückzugsgefecht endete, wie es enden musste: mit der totalen Niederlage. Sie zu vermeiden, hätte es genügt, genau zu lesen. ****

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