"Die Presse"-Leitartikel: "Hocherfreut über den Kollaps", von Michael Prüller

Ausgabe vom 3. Jänner 2009

Wien (OTS) - Die Rückkehr zu wahren Werten ist immer ein Kraftakt. Und der soll besser gelingen, wenn die Sorgen zunehmen?

Man konnte gar nicht anders sein als hocherfreut über den plötzlichen, unerwarteten Kollaps dieses dummen, gigantischen Betrugs. Das gab uns ein neues Gefühl von Freiheit, und es gab uns ein neues Gefühl der Macht." Diese berühmten Sätze stammen vom progressiven US-Literaturkritiker Edmund Wilson. Sie handeln von der Wirtschaftskrise der 30er-Jahre, und sie gelten als typisch für das Sentiment der damaligen Intellektuellen, die laut Wilson "in der Zeit des Big Business aufgewachsen sind und stets dessen Barbarei abgelehnt haben und sein Verdrängen von allem, was ihnen etwas bedeutet".
Viele Äußerungen rund um den Jahreswechsel machen deutlich, dass der typische Intellektuelle heute immer noch so ist. Wie sollte es auch anders sein? Sein traditionelles Feindbild ist nun einmal die Prosperität der Mittelklasse und das darauf aufbauende Selbstverständnis ihrer Eliten. Eine Menschheit, die imstande ist, einen Energy-Drink-Erfinder, der noch nicht einmal ein schmales Bändchen geschrieben hat, wie einen Helden zu verehren, ist ihnen unerträglich flach und schal.
Und man kann's verstehen. Trotzdem ruht die Freude, ja der kaum verhohlene Triumph über die Implosion des unternehmerischen Optimismus auf einer fehlerhaften Analyse. Exemplarisch sieht man das an der Erwartungshaltung, die Menschen würden sich nun weniger dem Mammon als wieder echten Werten zuwenden.
Schön wär's. Aber ein Leben im Einklang mit "wahren Werten" ist ja nicht der Normzustand, der eintritt, wenn keine Prosperität mehr stört, sondern eine aktive Kulturleistung ersten Ranges, die hohe persönliche Reife voraussetzt. Es gibt keinen empirischen Beweis dafür, dass materielle Armut die Menschen in diesem Sinn besser macht. Wenn es Gesellschaften gibt, die z. B. solidarischer sind als andere, dann deshalb, weil sie traditioneller sind, und nicht, weil sie ärmer sind: Auf dem Dorf gibt es vielleicht mehr Nachbarschaftshilfe als in der Stadt, aber im reichen Dorf ebenso wie im armen. Und umgekehrt fehlt die Nachbarschaftshilfe im städtischen Armenviertel ebenso wie in der mondänen Vorstadt.
Dass Menschen durch einen finanziellen Schock ihr Leben bessern oder zumindest wieder Bücher von Intellektuellen lesen, kommt dabei durchaus vor: der Börsenmakler, der eigentlich immer schon lieber Gedichte geschrieben hätte. Oder der Investor, der in seiner Angst auch wieder einmal das Beten in der Kirche ausprobiert. Aber reicht das aus, um eine innere Abkehr der westlichen Zivilisation vom Big Business zu konstatieren? Oder kreist das Denken in der Krise nicht genauso wie zuvor in der Hochkonjunktur vor allem ums Geld, nur mit anderen Vorzeichen? Statt der Hoffnung auf noch mehr die Angst um noch weniger: Das ist doch kaum eine höhere, uns in den Wachstumsjahren verschlossen gewesene Stufe des Menschseins.

Oh ja: Reichtum macht fett, und es gibt den Weisen, der am Materiellen nicht klebt, der auch in der Hungersnot satt ist und im Gefängnis frei - und das ist auch das Ziel menschlichen Reifens. Aber die Hoffnung, dass man dafür besser prädisponiert ist, wenn man den Arbeitsplatz verliert, seine Pension schwinden sieht oder den Kindern nicht mehr das Auslandssemester finanzieren kann, ist irgendwie unrealistisch. In der Regel wird auch nicht die Ehekrise gerade dann durch eine Rückbesinnung auf den Wert der Familie aufgelöst, wenn man die Raten fürs neue Haus nicht mehr bezahlen kann.
Dazu kommt, dass gerade unser so schnöde prosperierendes Zeitalter den besten Nährboden für wertorientierte Sonderwege darstellt. Nie war Aussteigen so leicht: Ob man nun Wüstenheiliger, Experimentalpoet oder zwölffache Mutter werden will, der Reichtum der Gesellschaft erlaubt das alles. Wer in den Halbtagsjob wechselt, um öfter unter dem Apfelbaum zu träumen, muss in unserer Big-Business-Gesellschaft nicht verhungern und bekommt im Fall des Falles auch einen Herzschrittmacher. Wer sich aber in einem der wachstumsfreien Bevormundungsregime, die so unwiderstehlich auf die Intellektuellen aller Couleurs wirken, solcherart (teil-)absentiert, wird eingesperrt oder verhungert. Oder beides.
Auch zeigt die Geschichte: Eine Generation, der der Boden unter den Füßen weggezogen wird, hält sich weniger an Kant oder die heilige Hildegard, sondern eher an Nietzsche oder Marx. Und dort, wo die materielle Krise nicht zyklisch wie im Kapitalismus ist, sondern Normalzustand wie im ehemaligen Ostblock, wird die Gier nach irdischen Gütern erst recht zu einer alles zerfressenden Manie. Daher hoffen wir auf baldige Normalisierung - die eröffnet mehr Chancen auf eine innengesteuerte Lebensführung als jeder Paradigmenwechsel.

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