"Die Presse" Leitartikel: "Auch Castro & Co. werden aufwachen" (von Wolfgang Greber)

Ausgabe vom 2.1.2009

Wien (OTS) - Sollte der neue US-Präsident Obama die Kuba-Blockade beenden, wäre der Sozialismus in Kuba bald am Ende.

Man friert hier nie. Die Menschen sind herzlich und leben gemütlich. Die Frauen sind schön, der Rum ist gut, überall ist Musik, die Häuser sind malerisch altmodisch. Es gibt viele Oldtimer, bei Bushaltestellen stehen Schlangen diszipliniert wartender, lächelnder Menschen. Arzt und Uni kosten nichts. Alle leben Solidarität und stehen hinter einer Partei. Welch schönes Land! Da mussten wir vor dem Capitol in Havanna einfach spontan ,Negeraufstand ist in Kuba‘ singen.- (Fiktive Reisenotizen eines Mitglieds der Österreichisch-Kubanischen Gesellschaft.)
Obiges mag naiv wirken. Hört man aber linken Weltverbesserern zu, hat man den Eindruck, als sei eben das der wichtigste Teil des Bildes, das sie von Kuba haben. Natürlich wissen und sehen sie, dass Kuba verarmt ist, dass die Leute im Monat um die 20 Dollar verdienen, ein Stück Seife aber 80 Cent kostet, dass die Regale der staatlichen Märkte vor allem mit Luft gefüllt sind, dass kaum jemand Handys oder Computer hat, dass Kellner in den Hotels Wurst vom Frühstücksbuffet klauen und dass die Leute versuchen auszuwandern. Nur: Da sind doch nicht die Castro-Brüder schuld, die seit 50 Jahren mit Güte herrschen, oder? Schuld sind die USA, der imperiale Koloss, der es nicht verkraftet, dass die marxistischen Engel der Armen einst Fulgencio Batista, Washingtons Diktatorenpudel, verjagt haben - und der den kleinen Nachbarn seither mit einem Boykott würgt.
Ja, die USA trugen viel dazu bei, dass Kuba jetzt so arm ist, wie es ist. Und mit ihrer quasikolonialen, interventionistischen Hinterhofpolitik hatten sie es überhaupt erst ermöglicht, dass die Kubaner von Batista zu Castro, Che & Co. überliefen. Wie schrieb 1935 Smedley D. Butler, General der US-Marines? "Ich half mit, dass Haiti und Kuba nette Orte für die National City Bank werden, um Geld zu schröpfen. Ich assistierte bei der Vergewaltigung eines halben Dutzends zentralamerikanischer Republiken im Interesse der Wall Street. (. . .) Zurückblickend könnte ich meinen, ich hätte Al Capone einige Tipps gegeben. Er aber konnte seine Gaunereien nur in drei Stadtbezirken abziehen - doch wir Marines operierten auf drei Kontinenten."
Es dürfte dennoch klar sein, dass Kuba mit seinem autoritären Einparteiensystem und seiner Staatswirtschaft auch ohne Boykott irgendwann in realsozialistische Stagnation gefallen wäre. "Die tun so, als ob sie uns bezahlen, und wir tun so, als ob wir arbeiten", flüstern die Kubaner. Man übersieht oft, dass Kuba schon unter Batista verglichen etwa mit Haiti, der Dominikanischen Republik oder Honduras gut entwickelt war und der Bildungsgrad des Volkes hoch. Es gab ein Stadt-Land-Gefälle, aber die Castros waren beim Ausbügeln sozialer Verwerfungen so gut, dass bald alle gleich waren - gleich arm (außer den Funktionären).
Bei allem Verständnis dafür, dass man derzeit über Liberalismus und Marktwirtschaft spottet: Das gut gemeinte Gegenteil funktioniert schon gar nicht. Man sah und sieht es an der kaum nennenswerten Zahl von Flüchtlingen aus "kapitalistischen" in sozialistische Staaten. Für Europas Salonlinke, die, wie in Wien, in schicken City-Lokalen die Boheme oder in edelschäbigen Gürtel-Trinkhallen die Alternativelite gibt, mag Kuba ein Eden der Humanität sein. Witzig nur, dass keiner dorthin ziehen will. Und Kubaner, die es in die bösen USA schaffen, wollen nimmer zurück.

Und es wird bald richtig ernst: Noch hält Kuba dank Billigöls aus Venezuela einiges aus, aber die Krise des Kapitalismus trifft auch das linke Paradies voll. Staatschef Raúl Castro hat das Volk auf einen harten Sparkurs einstellt - als ob bei 20 Dollar im Monat noch viel ginge. Noch hat der Apparat das Volk im Griff, aber es ist so müde. Die Reden der Führer nimmt keiner mehr ernst, die Jubelkubaner sind Staffage oder Sklaven alter Gewohnheiten.
Aus dem Sumpf, in dem dieses liebenswerte Volk aus vielen Gründen steckt, kann es aber nur kriechen, wenn die USA zuerst ihre peinliche Trotzhaltung aufgeben und Handel, Reisen und politischen Verkehr zulassen - der US-Boykott aber ist eine wichtige Legitimation für die harte Hand der Inselmarxisten. Doch die Jungen wollen keine Revolutionäre sein, sondern leben. Eine Öffnung aber droht mittelfristig einen Regimewechsel auszulösen - wie 1989 in Osteuropa. Die Castro-Clique steht vor der Wahl zwischen Skylla und Charybdis:
Bleibt alles beim Alten, droht die Explosion; öffnet sich Kuba, droht die Implosion.
"Man muss die Träume den Wirklichkeiten anpassen", sagte Raúl Castro kürzlich. Genau genommen hat man über seine Träume keine Herrschaft. Aber auch Castro und Co. werden einmal aufwachen.

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