Kleine Ölschocks steigern das Denkvermögen

"Presse"-Leitartikel, vom 3. Jänner, von Martin Kugler

Wien (OTS) - Dass der Ölpreis die 100-Dollar-Marke übersteigt, ist keine Katastrophe - sondern eine Mahnung.

Es gibt kaum eine andere Sache, die für uns so entscheidend ist, wie Erdöl und Erdgas: Ohne Energie, ohne Treibstoff, ohne Heizmaterial würde unser Leben völlig anders aussehen. Und es gibt gleichzeitig kaum einen Bereich, in dem so viel geflunkert und geschummelt wird, wie bei den fossilen Energieträgern - sei es wissentlich oder aus Unwissen heraus. Zum Beispiel, dass Öl nun, wo ein Fass des "schwarzen Goldes" erstmals 100 Dollar kostete, teurer sei als jemals zuvor: Das ist ganz einfach nicht wahr. Denn berücksichtigt man die Inflation, dann ist der jetzige Ölpreis immer noch niedriger als etwa zu Beginn des Golfkrieges im Jahr 1980.
Eigentlich ist es ja völlig egal, ob Öl 95, 98 oder 100 Dollar kostet. Denn ob die Zahl zwei- oder dreistellig ist, ändert kaum etwas an den realen Verhältnissen, sondern ist reine Psychologie. Diese ist aber nicht weniger bedeutsam - denn in der Wirtschaft ist vieles Psychologie. Von solchen Signalen hängt die Stimmung an den Börsen ab, hängen die Erwartungen ab, die die Menschen in die Entwicklung setzen. Und das beeinflusst die Konsumlaune - die wiederum unmittelbare Konsequenzen auf die Konjunktur hat.
Wenn der Preis nun erstmals in der Geschichte dreistellig ist, dann läuten eben Alarmglocken in den Köpfen. Dann scheint vielen eine Hemmschwelle überschritten, scheint ein Damm durchbrochen, hinter dem weitere Preiserhöhungen liegen. Ökonomen sprechen nun schon von 130, von 150 oder gar von 200 Dollar, auf die sich ein Fass Rohöl verteuern könnte. Wohin sich der Ölpreis wirklich bewegen wird, ist freilich offen. Vieles deutet darauf hin, dass das Niveau hoch bleibt. Aber auch in den 1980er-Jahren hat niemand vorhergesehen, dass der Ölpreis wieder auf zehn Dollar je Fass einbrechen würde. Das ist nicht einmal im Nachhinein ganz erklärbar.
Der Ölpreis entzieht sich allen einfachen Erklärungen - in ihm kulminieren die globale Entwicklung von Wirtschaft und Menschheit, die Wirtschaftspolitik der einzelnen Staaten, die gesamte Weltpolitik. Und nicht zu vergessen: die Begrenztheit der Ressourcen in einer endlichen Welt. Kritiker des herrschenden Wirtschaftssystems bemühen derzeit die sogenannte "Peak-Oil"-Theorie. Diese geht davon aus, dass die Erdölproduktion ihren Höhepunkt bald überschritten haben wird. Diese Entwicklung ist in vielen alten Öl- und Gasfeldern - etwa in Norwegen oder Saudiarabien - nachweisbar: Nach einigen Jahrzehnten sinkt die Ergiebigkeit der Lagerstätten. Die Theorie ist intuitiv eingängig, gestritten wird darüber, wann der "Peak", also der Höhepunkt der Ölförderung, erreicht und überschritten wird. Derzeit ist das nicht absehbar: Trotz rasanter Steigerungen der Förderung steigen auch die bekannten Vorräte. Das liegt daran, dass sich das Ausbeuten vieler Förderstätten erst dann rentiert, wenn der Ölpreis hoch ist.
Wenn die Ölpreise also weiter hoch bleiben, dann werden die Ressourcen nicht so bald knapp werden. Allerdings muss klar sein, dass sie irgendwann zur Neige gehen: À la longue ist jede Lagerstätte leer. Und irgendwann sind in einer endlichen Welt alle Lagerstätten entdeckt und ausgebeutet - und spätestens dann ist endgültig Schluss mit dem wichtigsten Antrieb und Schmiermittel der Weltwirtschaft.

So weit darf es nicht kommen. Und genau das sollte die Mahnung sein, die von der Verteuerung des Erdöls auf 100 Dollar ausgehen muss. Wir müssen uns auf alle Eventualitäten vorbereiten - unabhängig davon, ob der Ölpreis weiter steigt oder ob er wieder fällt.
Was zu tun ist, liegt klar auf dem Tisch: In erster Linie müssen wir mehr aus den vorhandenen fossilen Treibstoffen machen. Das Stichwort heißt Energieeffizienz - und dieses spricht sich schön langsam auch bis zu den Energieversorgern und Politikern durch. Von höherer Effizienz profitieren alle (außer den Energielieferanten). Selbst die Weltpolitik würde völlig anders aussehen, wenn die Effizienz ernst genommen würde. Ein Beispiel: Wenn die Autos der US-Amerikaner denselben Spritverbrauch hätten wie jene der Europäer, dann müssten die USA kein Öl importieren. Man stelle sich vor, wie anders die Weltpolitik dann aussehen würde.
Parallel dazu muss die Suche nach Alternativen forciert werden. Derzeit gibt es Dutzende neue Ideen, neue Ansätze, neue Technologien. Deren Umsetzung dauert lange - man muss sofort beginnen. Wir werden jedenfalls alle Technologien brauchen, um den Energiehunger der Welt befriedigen zu können. Und das völlig unabhängig davon, wo der Ölpreis steht.

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