"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Lust des Überlebens" (Von Thomas Götz)

Ausgabe vom 06.01.2007

Graz (OTS) - Der Herr Karl ist eine Fundgrube für Erkenntnisse über unsere seelischen Innereien. Auf einer Kiste sitzend enthüllt Qualtingers Philosoph, was er eigentlich verbergen will. Gegen Ende des Monologs schildert der Mann einen Nachmittag daheim auf der Couch. Draußen tobt der Verkehr, das Folgetonhorn eines Rettungswagens tönt durchs Fenster. "Karl, du bist's net", sei ihm da durch den Kopf geschossen, erzählt er.

Es ist leicht, sich mit Grausen von dem egozentrischen Ekel abzuwenden, dankbar, dass wir nicht so sind wie dieser. Sind wir aber. Das Ekel sitzt in uns und macht sich gelegentlich bemerkbar; wenn wir an Unfallstellen die Fahrt verlangsamen, um vielleicht einen Blick auf die Opfer werfen zu können, wenn wir Todesanzeigen studieren oder mit wohligem Grusel vom Grauen anderswo lesen. Der Mausklick auf das Todesvideo des Saddam Hussein gehört auch in diese Kategorie.

Eigentlich sollte es die Bilder gar nicht geben. Der Strick um den Hals sollte genügen als Todesbeweis, dazu ein Schnappschuss von der Leiche. Doch einer der Henker hat auch den Rest gefilmt und der Karl in uns, der kein Wiener ist, sondern Weltbürger, will es sehen. Nicht, weil Saddam Hussein einem von uns etwas getan hätte. Anders als die Schiiten, die um den Galgen getanzt haben, kennen wir ihn nur aus der Zeitung. Es muss etwas anderes, Tieferes sein, das hunderttausende Europäer drängt, das Video anschauen zu wollen.

Einen anderen hängen zu sehen, vermittelt einen Kick. "Die Lust des Überlebens" nennt Elias Canetti das Gefühl, das der Anblick von Toten uns gibt. "Der Schrecken über den Anblick des Todes löst sich in Befriedigung auf, denn man ist nicht selbst der Tote", schreibt er in "Masse und Macht". Was Canetti ausspricht, erlebt der Herr Karl genüsslich auf seiner Couch.

Vom Rückfall ins Mittelalter las man anlässlich der Gier, mit der auch bei uns das Video bereitgestellt und heruntergeladen wurde. Im Mittelalter hatte man die Leute auf dem Dorfplatz aufgehängt, die Meute sah johlend zu. Aufklärung und moderne Gesetzeswerke haben diesen Brauch geächtet, zuletzt noch die Todesstrafe selbst. Die Gier danach, andere sterben zu sehen, scheint aber gegen jede Aufklärung gefeit zu sein. Das Mittelalter, wenn man das Finstere in uns denn so nennen will, ist nicht zurückgekehrt. Es war immer lebendig.

Neu ist nur, dass technische Hilfsmittel dem alten Trieb Raum geben, sich auszutoben. Via Internet können wir im stillen Kämmerlein die Lust des Überlebens verkosten. "Andere haben das nicht", würde der Herr Karl sagen. Auch so ein schäbiger Lustgewinn. ****

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