"Kleine Zeitung" Kommentar: "Alfred Gusenbauers neue Stärke und die Alphatiere in der SPÖ" (Von Stefan Winkler)

Ausgabe vom 05.01.2007

Graz (OTS) - Das Häuflein wackerer Jusos, das gestern anlässlich des erweiterten Bundesparteipräsidiums der SPÖ in Krems an der Donau gegen die große Koalition protestierte, gehört gewissermaßen zur sozialistischen Folklore. Bekanntlich sieht das Pflichtenheft für rote Jungfunktionäre Aufmüpfigkeit gegen die Parteispitze vor. Diese Erwartungshaltung hat die Parteijugend brav erfüllt. Gut gemacht und Freundschaft, junge Genossen, ihr dürft eure bunt bemalten Plakate einrollen und nach Hause gehen!

Selbst für den wahrscheinlichen Fall, dass Alfred Gusenbauer im Verhandlungsfinale mit der ÖVP hart an die Grenze zur Selbstverleugnung gehen muss; selbst wenn er von seinen zwei zentralen Wahlversprechen - der Abschaffung der Studiengebühren und dem Ausstieg aus dem Eurofighter-Vertrag - abrücken sollte, könnte der Unmut des linken Parteiflügels ihm nur wenig anhaben.

Innerparteilich ist Gusenbauer mit seinem überraschenden Wahlsieg so stark wie noch nie. Als untrügliches Indiz dafür mag gelten, dass sogar Michael Häupl leiser tritt. Er, der bis vor kurzem mit gutem Recht den Part des heimlichen Alphatieres der SPÖ für sich reklamieren durfte, ist neuerdings auffällig wortkarg, wenn es darum geht, Auftreten und politisches Geschick Gusenbauers zu qualifizieren.

Vor dem 1. Oktober gehörte es fast zum guten Ton in der SPÖ, dass ein Häupl oder auch die Salzburger Landeshauptfrau Gabi Burgstaller mit einer Süffisanz, die über die wahren Hierarchien keine Zweifel ließ, dem Parteichef über die Medien "freundschaftliche" Tipps mit auf den Weg gaben. Heute sind derlei Nadelstiche nur noch schwer vorstellbar.

Wie auch das Risiko, dass Gusenbauer auf den letzten Metern der Koalitionsgespräche von Seiten der roten Landeshauptleute unerwartet Widerstand drohen könnte, gering ist. Jetzt, da es ans Eingemachte geht, erweist es sich als kluger Schachzug, dass der SPÖ-Chef seine ehemaligen Kritiker aus den Ländern ins Verhandlungsteam eingebunden und sie so neutralisiert hat.

Gleiches gilt für die Gewerkschaft, die sich besonders handzahm gibt. Den Machtkampf mit dem durch den Bawag-Skandal schwer angeschlagenen ÖGB hat der rote Parteichef ohnedies schon vor der Wahl für sich entschieden. Die Herren Hundstorfer, Haberzettl und Bittner können sich glücklich schätzen, sollte sich Gusenbauer dazu herablassen, einen der Ihren für ein Ministeramt auszuerwählen. Zwingen kann ihn keiner, und in genau dieser Freiheit liegt seine neue Stärke.****

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