"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Sonntags nie?" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 05.01.2007

Wien (OTS) - Der Weihnachtsrummel ist vorbei, der Umtausch
diverser ungeliebter Geschenke hoffentlich auch schon erledigt. Also wieder runter mit den Rollbanken und streng darauf geachtet, dass alle Kaufleute die Ladenschlusszeiten penibel einhalten.
Die Nachbarn werden es uns danken. Dort dürfen Euro und Schweizer Franken, Tschechenkrone und Forint vielerorts rund um die Uhr rollen. In Österreich dagegen müssen wir schon froh sein, wenn tatsächlich eine Große Koalition und die versprochene Liberalisierung zustande kommen.
Dann dürfen die Geschäfte werktags von sechs bis 21 Uhr und samstags bis 18 Uhr offen halten - aber insgesamt höchstens 72 Stunden pro Woche. An der Sonntagssperre wird nicht gerüttelt.
Die Front der Gegner dieser Mini-Liberalisierung ist breit. Die Gewerkschaften fürchten, dass die Zahl der Teilzeit-Beschäftigten zunimmt, kleinere Händler ängstigen sich vor verstärkter Konkurrenz. Dass liberale Öffnungszeiten auch eine Chance auf ein zeitlich flexibleres Angebot, auf höheren Umsatz und auf mehr Arbeitsplätze bedeuten könnten, kommt ihnen nicht in den Sinn.
Mancher verwechselt liberale Öffnungszeiten mit der Verpflichtung, Geschäfte rund um die Uhr offen zu halten. Davon kann aber selbstverständlich niemals die Rede sein.
Völlig von der Rolle sind derzeit die deutschen Kirchen. Evangelische und katholische Bischöfe prüfen eine Verfassungsklage gegen die dort neuerdings zulässige Sonntagsöffnung. Glaubwürdig wäre das aber nur, wenn sie auch schleunigst die Schließung aller Klöster-Shops anordnen, in denen sonntags nebst Devotionalien zwecks Gewinnmaximierung harte Getränke aus der Klosterbrennerei angeboten werden.
Denkt man die verfassungsmäßig verordnete Sonntagsruhe zu Ende, müssten auch Tankstellen, Bäckereien, Wirtshäuser, Schilifte, Bäder, Theater, Kinos und andere Freizeiteinrichtungen geschlossen bleiben und der öffentliche Verkehr müsste ruhen. Familienfreundlich wäre das nicht, und die Zahl der Kirchenbesucher würde auch nicht steigen. Die richtige Antwort kann nur lauten: Kein Zwang - weder zum Aufsperren noch zum Zusperren, und auch nicht zur Arbeit am Wochenende. Die Beschäftigten gehören ordentlich bezahlt und vor unzumutbaren Arbeitsbedingungen geschützt. Wer aber gerne am Wochenende arbeitet - egal, ob als Unternehmer oder als Angestellter -, der soll daran nicht gehindert werden.
Die einstigen "Arbeiterparadiese" im Osten kennen ebenso wie liberale Marktwirtschaften seit jeher keinen gesetzlich verordneten Ladenschluss. Jetzt hat Deutschland nachgezogen. Auch Österreich wird sich weder einer weiteren Liberalisierung der Ladenschlusszeiten noch der Sonntagsöffnung auf Dauer entziehen können.

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