"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Wir Barbaren" (Von Irene HEISZ)

Ausgabe vom 3. Jänner 2007

Innsbruck (OTS) - "Saddam execution video." Die Internet-Suchmaschine Google benötigt exakt 0,05 Sekunden, um zu diesen drei Stichworten 10,400.000 (!) Treffer aufzulisten.

Unzählige Seiten bieten den dreiminütigen Film von Saddam Husseins Hinrichtung an, zwischen lustigen Pannenfilmchen und kleinen Pornos, gratis zum Herunterladen. Und in hunderten Chat-Foren wird seit Tagen diskutiert - über Menschenrechte, die Todesstrafe, den Sinn oder die Sinnlosigkeit der Exekution des ehemaligen irakischen Diktators. Das auch. Nicht minder vehement jedoch über die armselige technische Qualität der mit einem Mobiltelefon aufgenommenen Bilder.

Um Moral und Ethik in den Massenmedien besorgte Wissenschafter und Journalisten benützen häufig ein drastisches, vermeintlich absurdes Beispiel um zu illustrieren, was wir könnten, aber tunlichst unterlassen: Demnächst, sagt man gern, werden wir Hinrichtungen live im Fernsehen übertragen. Mit dem barbarischen Wahnsinn rund um Saddams Tötung ist der Abstand zwischen dem Ereignis selbst und der Möglichkeit, bequem am Computer einem echten Menschen beim echten Sterben zuzuschauen, schon auf ein paar lächerliche Stunden geschrumpft. So kurz nur hat es gedauert, bis der Film um die Welt gegangen war.

Dass die irakischen Behörden weder willens noch in der Lage waren, die Produktion des Films zu verhindern, ist ein weiteres Steinchen im Mosaik des großen irakischen Dramas. Alarmierender noch
mutet an, dass sich die Grenzen dessen, was wir womöglich bald als normal empfinden werden, merklich verschoben haben. Das ist beschämend - unabhängig davon, wen das ekelhafte Schauspiel betrifft. Man kann so wenig nur in bestimmten Fällen gegen die Todesstrafe wie ein bisschen schwanger sein. Und die Qualität einer Zivilisation beweist sich gerade im Umgang mit ihren abscheulichsten Vertretern.

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