"Die Presse" Leitartikel: "Schon wieder träumt die Politik vom Wunderwuzzi" (von Claudia Dannhauser)

Ausgabe vom 3.1.2007

Wien (OTS) - Wem zur Gesundheitsfinanzierung nichts mehr einfällt, der erklärt den Hausarzt zum Allheilmittel beim Sparen.
Es klingt nicht nur wie ein alter Stehsatz, es ist auch einer: Immer, wenn Politiker die Aufwertung des Hausarztes im Munde führen, ist Vorsicht geboten. Meist heißt das: Es fällt ihnen nichts Besseres ein. Und da die Forderung selbst so nebulos wie plakativ ist, besteht kaum Gefahr, dass sie irgendwelche wie immer geartete Konsequenz zeitigt.
Dabei ist die Idee keine schlechte: Indem man den Allgemeinmediziner mehr ins Zentrum rückt, könnte man den Patienten Ärger wie Zeit ersparen und dem Gesundheitssystem erhebliche Kosten. Doch dazu bräuchte es grundlegende Änderungen - im System der Krankenkassen und im Denken der Ärzte. Wie der Idealfall aussähe? Der Patient hat regelmäßigen Kontakt zu seinem Hausarzt, und zwar nicht erst, wenn's schon zwickt. Das ist doch gar nicht so abwegig. Ihr Auto bringen die Österreicher ja auch regelmäßig zum Service. Und ist's einmal ernst, ist der Hausarzt die erste Adresse, oder zumindest einer aus seiner Praxisgemeinschaft. Es muss ja nicht rund um die Uhr sein. Es reicht ja schon, wenn ein Team von acht Uhr früh bis zehn Uhr abends aktiv ist.
Und wie sieht es jetzt aus? Vor allem sehr unterschiedlich, was das Berufsbild des Hausarztes in der Stadt und auf dem Land betrifft. Der Landarzt teilt oft noch das Los des Bürgermeisters. Er ist immer im Dienst und stets erreichbar. Doch die hemmungslosen Idealisten werden auch in dieser Branche weniger. Man kann es ihnen nicht verdenken. In der Stadt sieht's so und so ganz anders aus. Der Run auf die Spitalsambulanzen findet schließlich nicht in der Einfalt der Stadtbürger seine Begründung. Was macht man Freitagnachmittag mit einem hoch fiebernden Kind? Oder Dienstagmittag, wenn der Hausarzt schon zu-, aber erst am nächsten Nachmittag wieder aufsperrt? Hausbesuch anfordern? Nicht oder fast nie in Wien. Man fährt also ins Spital. Genauso, wie man mit einer Platzwunde lieber gleich die Unfallambulanz bemüht, ehe einen der Praktiker mit der entsprechenden Überweisung versieht.
Das mag mit Bequemlichkeit auf beiden Seiten - beim Arzt wie beim Patienten - zu tun haben. Es liegt aber auch am System, und zwar nicht nur, weil es vielen Landärzten noch leichter fällt, ihr Auslangen zu finden, als so manchem Wiener Hausarzt. Eine Ursache ist zum Beispiel, dass die Krankenkassen noch immer weniger bezahlen, wenn ihre Versicherten sich im Spital versorgen lassen als beim Kassenarzt. Außerdem ist das Honorarsystem weniger auf Serviceleistung denn auf Massenabfertigung ausgerichtet. Und die Ärzte? Auch ihnen ist Kritik nicht zu ersparen: Viele sehen sich nach wie vor nicht als Dienstleister. Ihre Ordinationshilfen leben lieber mit vollen Wartezimmern, als dass Herr oder Frau Doktor irgendwann eine nicht einkalkulierte Stehzeit verkraften muss. Vier Patienten zu jeder halben Stunde zu bestellen, ist organisatorische Steinzeit. Sie argumentieren mit den vielen unangemeldeten Kranken? Wirklich überraschen dürfte das eine Arztordination auch nicht.
Deshalb wäre es höchst an der Zeit, dass nicht nur medizinisches Wissen Voraussetzung für den Erhalt eines Kassenvertrages wird. Im Notfall könnte sich die Ärztekammer fürs Bereitstellen des organisatorischen Zusatzwissens zuständig fühlen. Im Gegenzug wären die Kassen dazu angehalten, ihre bürokratischen Hürden endlich abzubauen. Es ist nämlich eine Mär, dass im Zeitalter der E-Card die Zettelwirtschaft gänzlich abgeschafft wäre, selbst wenn der Arzt die Segnungen der modernen, elektronischen Abrechnung akzeptiert. Vielleicht könnte ja der Hauptverband einmal segensreich auf die Kassen einwirken. Nebstbei: Eine österreichweite Angleichung der Honorarsysteme wäre auch kein Luxus.

Und dann fehlt noch etwas, nämlich die rechtlichen Grundlagen, um den Hausarzt zum zeitgemäßen Erstansprechpartner in Gesundheitsfragen zu machen. Die von der Salzburger Landeshauptfrau und SP-Chefverhandlerin in Gesundheitsfragen, Gabi Burgstaller, angesprochenen Änderungen im Ausbildungssystem sind dabei zwar honorig, aber zweitrangig. Viel wichtiger wäre, den Ärzten das Anstellen anderer Ärzte zu ermöglichen. Nur so können Hausärzte auch in Ballungsräumen großzügigere Öffnungszeiten anbieten. Bisher scheiterte eine Lösung am banalen Streit, ob die Ärztegesellschaften standesmäßig zur Wirtschafts- oder zur Ärztekammer gehören. Deshalb auch einmal eine ganz banale Bitte: Nicht reden, tun. Oder wenn's wieder nix wird, dann erspare man uns wenigstens bei den nächsten Koalitionsgesprächen das übliche Lippenbekenntnis.

Rückfragen & Kontakt:

Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR0001