"Die Presse": Leitartikel: "Start mit Pannen, doch die Elite-Uni ist fix" (von Erich Witzmann)

Ausgabe vom 3.2.2006

Wien (OTS) - Anton Zeilinger hat das Exzellenz-Projekt initiiert, jetzt zieht sich Österreichs Paradeforscher enttäuscht zurück.

Also doch Gugging. Das Bundesland, das am meisten geboten hat, erhält nun Österreichs erste Spitzen-Universität. Oder in Personen ausgedrückt: Jener Landeshauptmann, der bereit ist, für die universitäre Spitzenforschung am meisten aus seinem Landesbudget auszugeben, hat den Zuschlag bekommen.
Erwin Pröll aus Niederösterreich hat den Wiener Michael Häupl geschlagen. Nicht (oder nicht nur) weil er Parteigänger von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer und Kanzler Wolfgang Schüssel (der sich zuletzt in die Entscheidungsfindung einbrachte) ist. Sondern weil er eben Bestbieter war.
Was als Aufbruch für Österreichs Forschung und seinen Stellenwert gedacht war, startet nun aber doch mit einem schrillen Misston. Der Quantenphysiker Anton Zeilinger und der Chemiker Peter Schuster, die beiden Initiatoren der Exzellenz-Uni, stellen ihre Mitarbeit an dem Projekt ein. Sie wollen mit ihrem "Kind" nichts mehr zu tun haben. Noch am Mittwoch appellierte in dieser Zeitung Zeilinger, ohne Zeitdruck die Standortfrage zu klären. Wenige Stunden später war der Pakt Niederösterreichs mit dem Bund besiegelt.
Das ist mehr als nur ein symbolischer Schritt von zwei beleidigten Wissenschaftern. Das ist eine Schützenhilfe für all jene, die diese Exzellenz-Uni nicht haben wollen. Die lieber die zusätzlichen Finanzmittel auf alle Universitäten verteilt sehen wollen und sich auch einen kleinen Happen erhoffen. Zeilinger wird somit zum Kronzeugen für jene, die sein Projekt und damit auch ihn vehement kritisiert haben.

Mit seinem Schritt wendet sich Zeilinger aber auch gegen die mögliche Entwicklung, dass die Politik die Richtung der Forschung bestimmt. Wer zahlt, schafft an: heute der Standort, morgen das Forschungsgebiet, übermorgen das Forschungsergebnis. Das wäre ein Horrorszenario für die universitäre Grundlagenforschung, dem man im Gesetz für die neue Spitzen-Universität Einhalt bieten muss. So wie im Paragraf 17 des Staatsgrundgesetzes die Maxime "Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei" verankert ist, muss ein ähnlicher Unabhängigkeitspassus auch im Gugging-Gesetz enthalten sein. Dann könnten Wissenschafter vom Kaliber eines Anton Zeilinger und Peter Schuster wieder in das Projekt einsteigen.
Aber zurück zu den politischen Querverbindungen: Gehrer/Schüssel hatten die Wahl, den Parteifreund Pröll zu vergraulen oder mit dem Zuschlag für Bürgermeister Häupl auch die SPÖ ins gemeinsame Boot der Elite-Uni zu holen. Der Zuschlag für Wien hätte für die Bundesregierung durchaus auch ihren Reiz gehabt.
Aber wollte Wien überhaupt ernstlich mitbieten? Der Verdacht liegt nahe, dass auch Michael Häupl ein politisches Spiel im Sinn hatte. Mitte Jänner erklärte er, ein gemeinsames Standort-Projekt Wien-Niederösterreich sei die beste Variante. Diesbezügliche Verhandlungen mit Niederösterreichs Pröll hat er nicht gesucht. Äußerst spät hat er dann das Wiener Angebot eingereicht. Und im Vergleich zu Niederösterreich eher bescheiden dotiert.

Freilich ist Häupls Zögern verständlich. Der neue Standort kann ihm nur recht sein. International wird es kaum "Klosterneuburg-Gugging in Niederösterreich" heißen, viel wahrscheinlicher wird "Wien-Klosterneuburg" in die wissenschaftlichen Annalen eingehen. Die Spitzenforscher werden vermutlich in Wien wohnen und hier auch Vorträge halten. Und die Bundeshauptstadt muss dafür keinen Cent entrichten. Da kann ein Michael Häupl schon die Lorbeeren Erwin Pröll, dem Freund aus alten Tagen, überlassen.
Man kann die Standortwahl kritisieren (wegen der schlechten Verkehrsanbindung) oder ausdrücklich befürworten (wegen der durchaus auch vorteilhaften Abgeschiedenheit): Aber den Zeitdruck in Frage zu stellen, ist politisch naiv. Diese Regierung will eine Elite-Uni, also muss sie ihr Vorhaben noch in dieser Legislaturperiode durchbringen, das heißt vor der parlamentarischen Sommerpause. Der Gesetzestext sollte zur Begutachtung ausgesandt werden, im Wissenschaftsausschuss behandelt und schließlich im Nationalrat beschlossen werden. Im Bundesrat aber haben SPÖ und Grüne ein Veto angekündigt, was eine Verzögerung von bis zu acht Wochen bedeutet. Dann erst kann der Nationalrat einen Beharrungsbeschluss fassen. Eile tut Not. Jetzt kennt man den Standort und den Finanzierungsbeitrag des Bundeslandes. Jetzt sollte man trotz mancher Anfangspannen an dem Projekt mitarbeiten - so Interesse an einer österreichischen Spitzenforschung besteht.

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