"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wenn nicht einmal Sozialstaffeln bei Tagesmüttern ein Thema sind" (Von Carina Kerschbaumer)

Ausgabe vom 30.01.2006

Graz (OTS) - Was für eine Ansage. "Wer Kindererziehung weiter als Frauensache abtut, riskiert immer weniger Kinder." Der Appell kommt nicht von einer Grün-Politikerin, er kommt von einer konservativen Politikerin, der siebenfachen Mutter und CDU- Familienministerin Ursula von der Leyen. Dass die Vorzeigefrau mit ihren Forderungen wie der Absetzbarkeit der Kinderbetreuung nur für Familien, in denen beide Eltern erwerbstätig sind, das traditionelle Wertebild ihrer Partei zertrümmert und für Verwirrung sorgt, liegt auf der Hand. Denn ob Elterngeld oder Absetzbarkeit für berufstätige Eltern, dahinter steht ein fundamentaler Wandel in der Familienpolitik.

Während in Österreich jede Diskussion über neue Maßnahmen mit dem Hinweis auf das Kindergeld abgewürgt wird, verabschiedet sich von der Leyen vom traditionellen Familienbild mit arbeitendem Vater und kinderbetreuender Mutter. Mit Elterngeld und Absetzbarkeit wird auf ein ökonomisches Anreizsystem für Eltern gesetzt, die nicht all zu lange den Job unterbrechen wollen.

Was aber ist der Grund, warum die Deutschen die Folgen einer kinderarmen Gesellschaft erkennen und Österreich trotz schwangerer Ministerin dahindöst? Warum wird bei uns Familienpolitik noch als "weiches Thema" behandelt, während in Deutschland SPD-Chef Matthias Platzeck Familienpolitik gerade zur Chefsache erklärt hat? So steht im neuen SPD-Grundsatzpapier, was in einem Programm der ÖVP vor 30 Jahren hätte stehen können: "Mehr Kinder. Bessere Bildung. Starke Familien . . . Kinder sind die entscheidende Grundlage für Lebenszufriedenheit."

Was in der österreichischen Familienpolitik nicht erkannt wird? Dass die Bildungsrevolution der Frauen einen Kurswechsel erfordert. Dass sich Frauen nicht mehr fragen "Job, ja oder nein?", sondern "Kinder, ja oder nein?". Ein Kurswechsel wäre somit nicht nur eine Frage der Sicherung der Sozialsysteme, er wäre längst auch ein Gebot der Wählerstimmenmaximierung.

Zum anderen werden Kinder weiter als Privatsache gewertet. Wie anders ist es zu erklären, dass selbst die fehlenden Sozialstaffeln bei Tagesmüttern kein Thema sind und für einen Ganztagesplatz bis zu 300 Euro zu berappen sind. Für Studenten und Großverdiener. Dass Österreich wegen "begrenzter Aufmerksamkeit" für arbeitende Mütter soeben wieder von der EU gerüffelt wurde, kann niemanden verwundern.

Ob Elterngeld oder Betreuung, was fehlt, ist nicht nur ein Zukunftskonzept. Es fehlt längst auch eines für die Gegenwart. ****

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