"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wenn der Iran Atombomben bauen will, wird er sie bauen" (Von Günter Lehofer)

Ausgabe vom 23.01.2006

Graz (OTS) - Einst war die Angst vor den Atomwaffen in unseren Köpfen gegenwärtig und real. Dann bauten Amerikaner und Russen diese Angst politisch ab und die noch vorhandenen mehr als 16.000 Atomsprengköpfe auf unserer Welt verkrümelten sich aus unserem Bewusstsein und ruhen seither in Raketenspitzen. Erderwärmung und andere globale Furchtprobleme nahmen den Platz der Atomangst ein.

Dank des Iran und der etwas offenherzigen französischen Antwort sowie der deutlichen israelischen Drohung sind die Atomwaffen wieder auf die Bühne zurückgekehrt. Wie lange sie sich dort halten werden, lässt sich noch nicht sagen.

Klar scheint, der Iran wird seine Atombomben bauen, wenn er sie bauen will. Niemand kann dieses Land ernsthaft daran hindern, ohne dort einzumarschieren oder einen Dauerbombenkrieg gegen echte oder vermutete Anlagen loszulassen. Vor dem Iran erzeugten schon die USA, die UdSSR, England, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea Bomben.

Verhindern lässt sich nichts, wenn der andere die Bombe will. Auch israelische Präzisionsschläge würden den Bau der iranischen Bombe nur verzögern können. Chiracs Drohung nimmt kaum jemand ernst. Die permanenten "Optionen" der anderen Atommächte sind ohnehin vorhanden, ohne dass sie derzeit Furcht erregen würden.

Die wieder erweckte Angst gründet sich nicht auf die Bombe als Waffe, sondern auf die Politik des Iran. Dem neuen Präsidenten traut man zu, die Bombe möglicherweise anzuwenden. Zumindest gegen Israel. Er hat vieles gesagt, das diese Furcht berechtigt erscheinen lässt.

Zugleich hat der Iran stets behauptet, keine Bombe bauen zu wollen. Ein klarer Fall von Täuschung, sagen alle, die dem Iran misstrauen. Aber trotz internationaler Überwachung und wissenschaftlicher Forschung gehen die Zeitangaben über den Bau der iranischen Bombe weit auseinander. Ein informierter und vorsichtiger Mensch wie der Friedensnobelpreisträger El Baradei sprach einmal von Monaten, andere reden von vielen Jahren. Es hängt davon ab, wie schnell der Iran genug waffenfähiges Plutonium kriegen kann.

Die entscheidende Frage ist, was ein Staat mit der Bombe will. Immer, wenn der Mensch mit seiner Machtgier ins Spiel kommt, darf man als einfacher Bürger berechtigt Furcht haben. Der Mensch ist auch zu Atomkriegen bereit. Wir können nur hoffen, dass jene, die dazu imstande sind, nicht die Gelegenheit dazu bekommen. Mehr Hoffnung gibt es nicht. ****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001