"Die Presse" Leitartikel: "Sperrstunde der Wahrheit" (von Gerhard Hofer)

Ausgabe vom 16.1.2006

Wien (OTS) - Woher kommt es, dass in einem Tourismusland der Tourismus einen so niedrigen sozialen Stellenwert hat?
Jetzt wird wieder gejubelt über den österreichischen Fremdenverkehr. Sobald der erste Schnee fällt, sind wir in Re kordlaune. Dann sind wir das Wintersportland Nummer eins. Da gibt es nur Positives über den Tourismus zu berichten. Etwa, dass wir diesen Winter wieder einen neuen Nächtigungsrekord aufstellen werden. Mehr als 60 Millionen Übernachtungen werden wir haben. Und der Umsatz werde um mindestens fünf Prozent steigen, prognostizieren Wissenschaftler. Oder dass immer mehr Gäste aus Osteuropa bei uns Urlaub machen. 3,3 Millionen Menschen aus Ungarn, Tschechien oder Russland werden über unsere Pisten flitzen. Und sie werden nicht knausrig sein. Es heißt, dass ein russischer Gast viermal so viel Geld im Urlaub ausgibt wie ein Deutscher oder Österreicher.
Manchmal hat man den Eindruck, Österreich ist im Ausland als Tourismusland beliebter als in Österreich selbst. Denn sobald die Wintersaison vorbei ist - das kann man jetzt auch schon prognostizieren, ohne dabei ein Wissenschaftler sein zu müssen -, sobald der Schnee geschmolzen ist, ist die freundliche Stimmung im und über den heimischen Tourismus Schnee von gestern.
Dann dreht sich nämlich ganz schnell der Wind. Und aus einem der wichtigsten Wirtschaftszweige, der immerhin mehr als sechs Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt, wird eine "Job-Vernichter-Branche". Spätestens im Mai. Wenn die Arbeitslosenstatistik traditionell viele Tourismus-Mitarbeiter ausweist, wird es wieder so weit sein. Natürlich wäre es toll, würden die Hotels und Gasthäuser in den Tourismuszentren das ganze Jahr über offen haben. Genauso wie es schön wäre, würde die Baubranche den Winter durcharbeiten und ihre Leute nicht stempeln schicken. Aber kein Politiker würde es wagen, den Bausektor als Jobvernichter-Branche zu brandmarken. Woher also kommt unser ambivalentes Verhältnis zum Tourismus?

Zum einen kommt es sicher davon, dass im Tourismus viele Saisonniers beschäftigt werden. Leute, die den Österreichern die Jobs wegnehmen, heißt es immer. Mittlerweile sind es nicht die Beschäftigten aus den Nicht-EU-Staaten, welche die Gemüter erhitzen. Immer mehr Menschen aus Deutschland, vorwiegend aus dem Gebiet der ehemaligen DDR kommen zu uns, um im Tourismus Geld zu verdienen. Nicht weil sie weniger Lohn verlangen als ihre österreichischen Kollegen.
Vielmehr erlauben es die sogenannten Zumutbarkeitsbestimmungen, dass ein arbeitsloser Kellner oder Koch in Wien einen Arbeitsplatz in Tirol oder Salzburg nicht annehmen muss. Und so sind es halt Leute aus Sachsen und Brandenburg, die dann bei uns zur "Zumutung" gesehen werden. Anstatt ihre vorbildliche Arbeitseinstellung zu loben.
Wenn man sich zurückerinnert, was auf politischer Ebene im vergangenen Jahr in Sachen Tourismuswirtschaft und Gastronomie gemacht wurde, dann fällt einem vor allem eine Aktion des Finanzministers ein: Die Trinkgeldsteuer. Zum Glück ist diese Schnapsidee nicht umgesetzt worden. Doch alleine das Ansinnen, in einem Tourismusland jene Beschäftigten, die am härtesten dran kommen auch noch steuerlich zu bestrafen, zeigt den gesellschaftlichen Stellenwert dieser Branche.
Ein positiverer Zugang in der öffentlichen und politischen Diskussion wäre höchst an der Zeit. Das heißt natürlich nicht, dass man alles Schlechte einfach unter den Teppich kehrt. Natürlich gibt es auch im Tourismus Unternehmer, die ihre Mitarbeiter schlecht behandeln, die Schwarzarbeiter beschäftigen und Ruhensbestimmungen nicht einhalten. Das gehört abgestellt, keine Frage. Aber es gehört nicht verallgemeinert.

Bei all der angebrachten Kritik gewinnt man hierzulande immer mehr den Eindruck, dass Kellner, Koch oder gar Küchengehilfe in der sozialen Hierarchie einen ähnlichen Stellenwert wie die Kleinkriminalität genießen. Es scheint sich die Auffassung gefestigt zu haben, dass es einem halbwegs normalen Menschen nicht zuzumuten sei, an Wochenenden oder abends zu arbeiten. Erzählt einer, er arbeitet im Gastgewerbe, bekommt er oft die Frage gestellt, ob er sich nicht einen "ordentlichen Job" suchen wolle?
Die miserable Akzeptanz der Tourismuswirtschaft in einem Tourismusland wie Österreich ist beschämend. Immerhin sind 160.000 Menschen direkt im Tourismus beschäftigt. 750.000 verdanken ihren Job in großem Ausmaß dem Fremdenverkehr.

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