"Kleine Zeitung" Kommentar: "Vermutungen, jenseits von Trost und Wissenschaft" (von Frido Hütter)

Ausgabe vom 07.01.2006

Graz (OTS) - Wenn man den Namen Mozart in die Suchmaschine Google eingibt, findet sie derzeit in 0,12 Sekunden rund 19 Millionen Nennungen. - Ein respektables Ergebnis, bei John Lennon sind es nur 14 Millionen.

Hunderttausende von Seiten sind beschrieben worden, Jahre verdiskutiert, um die Frage zu erörtern, wie das Genie dieses Menschen und die unvergleichliche Wirkung seiner Musik erklärt werden könnten. Wie stets in solch unlösbaren Situationen kommt häufig das Göttliche ins Spiel. Das bietet keine Erklärung, aber doch Trost.

Daher ein paar Vermutungen.

Viele Menschen sind fast süchtig nach Mozarts Musik, manche verwenden sie wie ein Heilmittel. Nun hat die Suchtmedizin herausgefunden, dass ein Kanon wiederholbarer Belohnungen viele Probanden rasch in Abhängigkeit führt.

Man muss kein Musikwissenschaftler sein, um in den Werken Mozarts diese betörende Abfolge von Belohnungen zu bemerken. In unregelmäßigen, aber verlässlichen Abständen kommen Tonfolgen, die vermeintlich schon ewig in unserer Seele geklungen haben oder profaner gesagt: die jede für sich das Zeug zum Hit hätte.

Und dann diese fabelhafte Leichtigkeit, mit der seine Arbeit vonstatten gegangen zu sein scheint. Als Brosamen überträgt sie sich auf uns.

Wenn Millionen Menschen etwas mögen, ist der Mammon rasch zur Stelle. Mozart war zu Lebzeiten kein Hungerleider, nur ein Geldvernichter. Der Umsatz, den seine Musik langfristig erzielt, übertrifft alles.

Der Name selbst ist eine feiste, unkontrollierte Cash-Cow: Mit Mozart-Stüberln, -Plätzen, -Schnitten, -Kugeln, -Hallen, -Kipferln, -Festivals, -Reisen, -Gräbern, -Büchern, -Magazinen (wir bringen morgen eines) etc. pp. wird weltweit Mehrwert gescheffelt. Unabhängig von Trend und Moden.

Als Marke ist er Red Bull, IBM und Coca-Cola weit überlegen, in seiner kommerziellen Abbildung so wie der Weihnachtsmann neuerdings dem Christkind.

Noch ein Phänomen sei erwähnt: Wie einst die japanischen Shogune den göttlichen Tenno zu dem Zwecke hielten, von einer Über-Instanz an der gegenseitigen Vernichtung gehindert zu werden, konzentriert sich in Mozart eine fast globale Übereinkunft. In irgendeiner Form berührt er jeden.

Francis Ford Coppolas Vietnam-Oper beginnt zu den düster Takten von Wagners Walkürenritt. Zu den Klängen der Zauberflöte ist vermutlich noch keiner in den Krieg marschiert. Und sein Requiem macht nicht traurig, sondern erhaben. Womit wir wieder beim eigentlichen Rätsel sind. ****

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