WirtschaftsBlatt Kommentar vom 3.1.2006: Russen-Gas wurde dünn in der Pipeline - von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - Endverbraucher von Strom und Gas können keine
Reserven anlegen, sehr zum Unterschied von Heizöl, Holz, Kohle und Pellets. Grosse und kleine Kunden sind auf den Weitblick der Energieversorger, letztlich des Staates angewiesen. Somit klingt es zwar beruhigend, dass Wirtschaftsministerium und OMV vom aktuellen Gaskonflikt keine Nachteile für Österreich befürchten. Der Fall ist aber doch ein dringlicher Anlass, eine Versorgungssicherheit unter die Lupe zu nehmen, um die sich so lange niemand den Kopf zerbricht, so lange nichts passiert.
Am Sonntag, dem ersten Tag des neuen Jahres, verringerte sich das Volumen des aus Russland und der Ukraine ankommenden Erdgases um 18 Prozent. In der Pipeline war das Gasgemisch also merklich dünner als normal. Schon am zweiten Jahrestag fehlte ein Drittel der Menge des wertvollen Stoffes, eine glatte Verdoppelung des Abgangs innerhalb von wenigen Stunden.
Die 8,6 Milliarden Kubikmeter Erdgas, die Österreich jährlich aus Russland bezieht, machen 59 Prozent des gesamten Verbrauchs aus. Auch dieser Prozentsatz ist eindrucksvoll - Deutschland ist nur zu 30 Prozent auf Russen-Gas angewiesen und füllt den restlichen Bedarf aus Norwegen, den Niederlanden und eigenen Quellen.
Dass die OMV nicht ausschliesst, dass es bei anhaltender Konfliktlage zu Versorgungsengpässen bei Grossabnehmern kommen könnte, ist so gesehen ein glattes Eingeständnis, dass Österreich einseitig abhängig geworden ist. Der erste Liefervertrag mit Russland, der damaligen Sowjetunion, von 1968, wurde bis 2027 verlängert.
Jetzt geht es primär gar nicht darum, dass der Hauptlieferant Russland ist, sehr wohl aber bringt sich dieser Hauptlieferant auf zusätzlich unangenehme Weise ins Spiel: Energieversorgung ist Teil der Machtpolitik Wladimir Putins. Und wenn die Ukraine, der im vorgeschobenen Preiskrieg der Hahn abgedreht wird, mehr Gas aus Turkmenien beziehen will, stellt sich plötzlich heraus, dass auch dieser Strang durch die russische Gazprom kontrolliert und unterbrochen werden kann.
Der Energie-Machtkampf zwischen Russland und der Ukraine ist für Westeuropa bedrohlich genug, dass die Situation neu analysiert werden muss. Für Österreich gilt dies ganz besonders. Wenn es nämlich doch einmal ernst wird, werden sich weder die Unternehmen noch die Privatkunden damit zufrieden geben, dass mit dem russischen Erdgas jahrzehntelang alles geklappt hat.

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