• 14.07.2005, 20:41:33
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Eisiges Klima im Kosmos und in der wissenschaftlichen Welt" (von Hans Winkler)

Ausgabe vom 15.07.2005

Graz (OTS) - Was ist eigentlich unter dem neuen Papst anders
geworden in der Kirche? Katholiken in Österreich etwa konnten an den
Bischofsbesetzungen für Feldkirch und Linz mit Erstaunen und
Genugtuung eine neue Qualität des Entscheidens konstatieren.
Prozesse, die früher quälend lange Monate gedauert haben, laufen nun
sehr rasch ab.

Bedeutsamer aber als diese längst fälligen Verbesserungen des
vatikanischen Managements sind die Zeichen für ein neues
Selbstbewusstsein im Auftreten der Kirche in der Weltöffentlichkeit.
Den Artikel von Kardinal Christoph Schönborn von Wien in der weltweit
angesehenen "New York Times" über die Evolutionstheorie darf man als
ein Signal in diesem Sinn verstehen.

Johannes Paul II. hat durch seine überzeugende Person, seine Präsenz
und seine symbolischen Gesten auf die Würde der Gläubigen (aller
Konfessionen) und auf den unersetzlichen Beitrag der Religionen für
Humanität, Gerechtigkeit, Solidarität und Barmherzigkeit hingewiesen.
Er hat damit Politik gemacht und Geschichte geschrieben.

Benedikt XVI. baut darauf auf, er hat aber noch andere Absichten: Er
will die Kirche in die Auseinandersetzung über die großen Weltfragen
führen und jenen modernen Zeitgeist herausfordern, den er als
"Relativismus" bezeichnet, eine Weltsicht, die im Namen von
Aufklärung und Wissenschaft keine "Wahrheit", schon gar keine
metaphysisch begründete gelten lassen will.

Der Papst fühlt die Kirche und wohl auch sich persönlich stark genug,
einen solchen Diskurs zu führen und zu bestehen. Noch als Kardinal
Ratzinger hat er ein berühmt gewordenes öffentliches Gespräch mit dem
Philosophen Jürgen Habermas geführt. Die beiden waren sich
überraschend einig.

Schönborn hat sich mit seinem Beitrag weit ins Feld der
Naturwissenschaft vorgewagt und sich damit auch angreifbar gemacht.
Der Physiker Anton Zeilinger hat durchaus in Sympathie mit dem
Kardinal davor gewarnt, Positionen zu beziehen, die sie dann mit dem
Fortschreiten der Wissenschaft sukzessive räumen muss.

Wenn freilich eine Genetikerin mit der Bemerkung reagierte, dass
"nicht Gott die Welt erschaffen hat", sondern die "Menschen die
Götter erfunden haben", ist das nur ein Bonmot. Es zeigt aber, wie
provozierend es empfunden wird, wenn die Kirche in allgemeinen
Geistesfragen mitreden will.

Nicht nur im Kosmos herrscht eisiges Klima, auch in der
wissenschaftlichen Debatte. ****

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Kleine Zeitung
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Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
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