"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die dunkle Vorgeschichte" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 13.02.2005

Graz (OTS) - Wieder ein Fünferjahr und diesmal ein ganz besonderes Gedenkjahr. Österreich feiert den sechzigsten Geburtstag der Zweiten Republik und den fünfzigsten Jahrestag des Staatsvertrags sowie die zehnjährige Zugehörigkeit zur EU. Ein auf den ersten Blick geradliniger Weg aus Schutt und Trümmern über Wiederaufbau und Freiheit zur geglückten Eingliederung in die europäische Familie.

Bei so viel Anlass zu Stolz und Freude besteht die Gefahr, die dunkle Vorgeschichte auszublenden: unsere Verstrickung in den großdeutschen Angriffskrieg und unsere Mitschuld an den Verbrechen der Nazi-Herrschaft.

Der Kalender des Jubiläumsjahres 2005 ist derart dicht, dass man dieser Erinnerung nicht entkommen kann. Gleichzeitig wird durch die Abfolge der Gedenkfeiern auch der Blick nicht nur nach rückwärts, sondern auch nach vorne gerichtet, was Verkrampfungen und Einseitigkeiten auflösen sollte. Zwischendurch hatte man fast den Eindruck, 1938 sei nicht Hitlers Armee nach Österreich einmarschiert, sondern Österreich hätte Deutschland überfallen. Die moralische Überheblichkeit, die in der Selbstanklage mancher Nachgeborener lag, war eine ebenso groteske Verdrehung der Geschichte wie die abstruse Behauptung, Österreich sei 1945 nicht von der braunen Diktatur befreit worden, sondern unter das Joch der roten Besatzungsmacht geraten.

Heuer sollte es gelingen, mit dem Leugnen und Aufrechnen endlich Schluss zu machen. Zwei Erinnerungstage von elementarer Wucht liegen eng beieinander: Am 27. Jänner versammelten sich Staatsmänner aus aller Welt in Auschwitz, um mit Überlebenden der Befreiung des Vernichtungslagers durch sowjetische Truppen zu gedenken und zu mahnen, in welchen Abgrund die Verletzung der Menschrechte und die Missachtung der Menschenwürde führen. Am 13. Februar wird in Dresden der Schreckensnacht gedacht, als die britische Luftwaffe die barocke Altstadt in Schutt und Asche bombte.

Lange hatte man eine Scheu, beide Tage, beide Orte, Auschwitz und Dresden, nebeneinander zu stellen. Ein Vergleich oder gar ein Aufrechnen des millionenfachen Massenmords an Juden mit dem Tod von Deutschen durch Zerstörung und Vertreibung ist nicht möglich, aber es sind die Stationen einer unheilvollen und unteilbaren Geschichte - im Konzentrationslager Mauthausen ebenso wie in der Schlacht um Wien oder der Bombardierung von Graz und Klagenfurt.

Ursache und Folgen hängen zusammen: Viele Österreicher sind mitschuld an den Verbrechen gewesen und noch viel mehr haben die Leiden des Krieges mittragen müssen. ****

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