Gusenbauer zu Verleihung des Bruno Kreisky-Preises: Appell an Autoren, auch in Zukunft nicht zu schweigen

Swoboda: "Widerspruch leisten" als Motto aller Bücher

Wien (SK) Gerade in einer Zeit, in welcher der öffentliche Diskurs in Österreich immer mehr in den Hintergrund gedrängt werde, seien die Auszeichnungen an die Preisträger ein Aufruf, auch in Zukunft nicht zu schweigen, betonte SPÖ-Parteichef Alfred Gusenbauer am Freitagabend im Rahmen der Verleihung des Bruno Kreisky-Preises für das politische Buch. SPÖ-Europaabgeordneter und Vorsitzender der Jury der Anerkennungspreise, Hannes Swoboda, erklärte, dass das Motto "Widerstand leisten" als gemeinsamer Nenner aller Bücher gesehen werden könne. Der Präsident des Bruno-Kreisky-Forums, Rudolf Scholten zeigte sich in seiner Begrüßungsrede erfreut darüber, im Bruno-Kreisky Forum folgende, zu jeweils 2000 Euro datierten, Preise verliehen werden konnten: Fünf Anerkennungspreise, den Sonderpreis des Wirtschaftsverbandes Wien für besondere verlegerische Leistungen sowie den Egon-Matzner Gedenkpreis. Neben den PreisträgerInnen kamen weiters Fritz Strobl (Präsident des Wirtschaftsverbandes Wien) und Gabriele Matzner (Botschafterin in Tunesien) zu Wort. ****

Die mit dem "Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch 2004" ausgezeichneten Persönlichkeiten Amos Oz und Kathrin Röggla und der Preisträger für das Lebenswerk, Jorge Semprun, waren gestern nicht anwesend. Ihnen wird der Preis zu einem späteren Zeitpunkt in Wien überreicht. Anerkennungspreise erhielten gestern u.a. Botschafter Wolfgang Petritsch und Robert Pichler ("Kosovo-Kosova - der lange Weg zum Frieden"), Hans Weiss und Ernst Schmiederer ("Asoziale Marktwirtschaft"), Wolfgang Maderthaner und Michaela Maier ("Der Führer bin ich selbst - Engelbert Dollfuß/Benito Mussolini Briefwechsel") und das Institut zur Erforschung und Förderung österreichischer und internationaler Literaturprozesse. Den Egon-Matzner-Gedenkpreis erhielt Martin Zagler und den Preis für verlegerische Leistungen der Czernin Verlag.

"Im Gegensatz zu vergangenen Jahren konnten wir uns heuer sehr schnell darüber einigen, wer die Preise bekommen soll", zeigte sich Gusenbauer über die Wahl der Preisträger sichtlich erfreut. In allen Büchern werde Widerstand als Teil des aufklärerischen Denkens gesehen, was wiederum etwas mit einem öffentlichen Diskurs von Argument und Gegenargument zu tun habe. "Leider", so Gusenbauer, "kommen Gegenargumente im öffentlichen Diskurs nicht mehr vor. Das liegt an der Struktur in Österreich, die nicht mehr jener einer entwickelten Demokratie westlichen Standards entspricht."

Die Verleihung eines Buches für politische Taten setze voraus, dass es vorher auch einen Diskurs gebe, erklärte Gusenbauer: "Die Bücher der Preisträger bringen jene Gegenargumente zur Sprache, die sonst im öffentlichen Diskurs nicht mehr vorkommen." So zeige das Buch des Ökonoms Martin Zagler, dass Wachstum und Beschäftigung mit den wirtschaftskulturellen Bedingungen des jeweiligen Landes zusammenhänge. "Einen Stein der Weisen gibt es nicht", rückte Gusenbauer ein Bild zurecht. Zur Lösung wirtschaftspolitischer Probleme müsse die Bildungs- und Innovationspolitik in den Mittelpunkt gerückt werden, so der Parteivorsitzende, der sich gegen explizite und implizite Einkommenskürzungen aussprach.

Bezugnehmend auf das Buch über den Briefwechsel von Mussolini und Dollfuß äußerte Gusenbauer sein Unverständnis über die ÖVP, die Dollfuß als "erstes Opfer des Nationalsozialismus und als Patrioten" betrachte. "Ich frage mich, welches Österreich Dollfuß 1934 verteidigt hat", so der Parteichef mit einem Aufruf an die ÖVP, sich kritischer mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Swoboda betonte die Bedeutung des Widerstandes in den preisgekrönten Büchern: In dem Buch "Kosovo-Kosova - Der lange Weg zum Frieden" von Wolfgang Petritsch und Robert Pichler werde die Nichtanerkennung von Grundrechten jeder Art behandelt. In "Asoziale Marktwirtschaft" von Ernst Schmiederer und Hans Weiss stehe der Widerstand gegen die Wirtschafts- und Steuerpolitik im Mittelpunkt, die sozial Schwache immer mehr benachteilige. In "Der Führer bin ich selbst - Engelbert Dollfuß/Benito Mussolini Briefwechsel" von Wolfgang Maderthaner und Michaela Maier komme ein Widerstand gegen eine Geschichtsschreibung zur Sprache, die in Dollfuß einen Märtyrer sehe.

Das Buch "Das Verbindende der Völker", herausgegeben vom Institut zur Erforschung und Förderung Österreichischer und Internationaler Literaturprozesse, widerspreche unorthodoxe Auffassungen und Gottfried Fritzl habe in seinem Buch "Adolf Kozlik. Ein sozialistischer Ökonom, Emigrant und Rebell. Leben und Werk eines österreichischen Wissenschaftlers und Intellektuellen" einen hervorragenden sozialdemokratischen Widerspruchsgeist beschrieben, der überall angeeckt war.

Der Egon Matzner Preis, der in Memoriam an den im September 2003 unerwartet verstorbenen Namensgeber einmalig verliehen wurde, ging an das Buch "Growth and Employment in Europe" von Martin Zagler. Der Sonderpreis des Wirtschaftsverbandes Wien für besondere verlegerische Leistungen erhielt der Czernin Verlag, der seit Jahren Themen im Programm habe, die andere Verlage nicht präsentieren wollen, da sie nicht marktwirtschaftlich nicht relevant seien, so Swoboda.

Die Preisträger kommentieren ihre Bücher

Klaus Gardermaier, ein Vertreter des Czernin Verlages, zeigte sich besonders erfreut darüber, dass die Auszeichnung vom Wirtschaftsverband gestiftet wurde. "Das zeigt, dass unser Verlag auch von der Wirtschaft anerkannt wurde." Martin Zagler erinnerte an das großartige Lebenswerk von Egon Matzner, der sich schon lange vor ihm mit Fragen des Wirtschaftswachstums und mit Beschäftigung auseinandergesetzt habe. In seinem Buch demonstriere er, warum es wenig Sinn mache, die Arbeitsmarktreform eines Landes 1:1 zu übernehmen.

Fritzl erklärte, dass die Anerkennung seines Werkes auch die Anerkennung des Protagonisten Kozlik widerspiegle. Fritzl: "Kozlik hat sich Zeit seines Lebens für soziale, ökonomisch gerechte und demokratische Lebensformen eingesetzt." Herbert Arlt, wissenschaftlicher Leiter des Instituts zur Erforschung und Förderung Österreichischer und Internationaler Literaturprozesse, sagte, dass etwa 100 Leute an dem Werk beteiligt waren. Dem Buch beigelegt sei auch eine CD mit 1050 Beiträgen aus allen möglichen Ländern, erklärte Arlt. "Es geht in dem Buch um den Versuch zu verstehen, was wir Menschen auf dieser Erde gemein haben."

Maderthaner und Maier erinnerten, dass im Jahr 1934 wesentliche Elemente der Zeitgeschichtsschreibung gesetzt wurden. "Aus einem unglücklich agierenden Kanzler darf kein Märtyrer gemacht werden", so Maderthaner über Dollfuß.
Schmiederer und Weiss kritisierten, dass das derzeitige Steuersystem in Österreich im krassen Gegensatz zu den demokratischen Prinzipien Gleichheit und Gerechtigkeit stehe. Weiss: "Schwarz-Blau hat die Situation noch verschärft. Die Ausplünderungen durch die Konzerne wird durch weitere Privilegien forciert - und das alles wird vom Gesetz gedeckt."

Petritsch und Pichler zeigten sich erfreut darüber, dass das Buch als Gemeinschaftsprojekt eines Geisteswissenschaftlers und einen EU-Verhandler entstehen konnte. Das Werk über den Kosovo sei ursprünglich für die unmittelbar betroffene Bevölkerung geschrieben worden, erklärte Petritsch. Die Zeit 1989 bis 1999 wurde einer gründlichen Analyse unterzogen, um die Wurzeln des Konfliktes zu eruieren und Lösungen zu finden. "Das Buch soll auch einen Beitrag leisten, um die Mythen rund um den Kosovo aufzuklären", so Petritsch abschließend. (Schluss) gg

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