"Kleine Zeitung" Kommentar: "Nur nicht auffallen ist auf dem Weg in die Regierung zu wenig" (von Stefan Winkler)

Ausgabe vom 17.01.2005

Graz (OTS) - Die Grünen möchten an die Macht. Das hat Parteichef Alexander Van der Bellen bei der Klubklausur in Rust bekräftigt. Obwohl der Professor diesen Anspruch sogleich relativierte und beteuerte, nicht um jeden Preis regieren zu wollen, war es die politisch markanteste Aussage einer Klausur, von der es sonst nichts Nennenswertes zu berichten gibt. Außer dass sich Ort und Jahreszeit symbolträchtig mit dem Erscheinungsbild deckten, das die Partei aktuell in der Öffentlichkeit abgibt: Grau wie der Neusiedlersee im Winter - so präsentieren sich die Grünen Anfang 2005.

Ihrer Attraktivität tut das keinerlei Abbruch, im Gegenteil: Je flachere Fußstapfen sie politisch hinterlassen, desto höher klettern sie in der Wählergunst. Widerspruch ist das keiner. Gerade weil die Grünen in vielerlei Belangen zum Inbegriff einer braven Bürgerlichkeit geworden sind, gegen die sie einst aufbegehrten, konnten sie sich Wählersegmente erschließen, die sie sich nie erträumt hätten.

Eine solche Metamorphose löst natürlich Irritationen aus. "Beliebigkeit" wirft das grüne Urgestein Andreas Wabl, der seinerzeit im Nationalrat als Provokation eine Hakenkreuzfahne entrollte, den heutigen Grünen vor. Doch der Verzicht auf Skandalpolitik macht sich bezahlt. Bei NR-Wahlen könnten die Grünen derzeit mit bis zu 15 Prozent rechnen - ein Triumph der Unauffälligkeit.

Im Vergleich dazu möchte einem die SPÖ fast Leid tun. Während die Genossen sich in patscherter Redlichkeit abrackern und ein klägliches Programm nach dem anderen abschwitzen, für das sie sich dann die obligate Tachtel abholen, versuchen die Grünen erst gar nicht den Eindruck zu erwecken, dass Politik Knochenarbeit ist.

Vielleicht geht ihr Kalkül ja auf und sie schaffen es tatsächlich, sich im Windschatten von Schwarz und Rot an die Macht zu pirschen. Die Voraussetzungen dafür sind geschaffen. Mit erstaunlicher Geschmeidigkeit haben die Grünen erkannt, dass eine Regierungsbeteiligung keine Frage der Sympathie, sondern des bloßen Machtwillens ist. Die Konsequenz daraus war, dass sie ihre ideologischen Reserven gegenüber der ÖVP aufgaben und sich neben der SPÖ auch diese Option eröffneten.

Das war klug, sehr klug sogar, aber reicht es? Soll diesmal auch die bauchgesteuerte Basis mitspielen, die schon 2003 gegen Schwarz-Grün aufmuckte, muss die Parteispitze klären, in welchem Verhältnis Macht und grüne Prinzipien zueinander stehen sollen. Am Ende so einer Seelenerkundung könnte ja die Einsicht stehen, dass es sich dann am besten regiert, wenn man auch die Inhalte nicht aus den Augen verliert. ****

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