"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wir vermeintlichen Herren" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 16.1.2005

Graz (OTS) - Trauer und Freude galt es zu vereinen, als die
Spitzen des Staates zum Auftakt des Jubiläumsjahres 2005 der Opfer der Flutwelle gedachten. Die gedankliche Brücke zwischen der Tsunami-Katastrophe und der Kriegs-Katastrophe vor sechzig Jahren baute der Bundeskanzler mit dem Hinweis, dass Österreich nie eine "Insel der Seligen" gewesen sei, denn alle politischen Beben des Kontinents haben auch uns erreicht - wie eben jetzt das furchtbare Beben im Indischen Ozean, das in der globalisierten Welt nicht so weit entfernt sein kann, dass es uns nicht betrifft.

Der durch die tragischen Ereignisse erzwungene Blick über den mit Gold und Marmor geschmückten Reichsrats-Sitzungssaal des Parlaments hinaus veranlasste die Politiker, auch über ihre Aufgabe und ihr Amt nachzudenken. Wir leben seit einem halben Jahrhundert in Frieden -welcher Generation vor uns war dieses Glück vergönnt? Wir können auf einen ständigen Anstieg des Wohlstands zurückblicken - wer hätte in den Trümmern und angesichts der Zerstörung davon zu träumen gewagt?

Und dann dieser Schock mitten im Weihnachtsfrieden. Das erschreckte Erwachen fasste der Nationalratspräsident in die Erkenntnis zusammen:
"Was wir als vermeintliche Herren der Welt, der Technik, der planbaren Vorgänge allzu gerne verdrängen, ist uns grausam vor Augen geführt worden: Die Naturgewalten haben wir nicht im Griff."

Wir haben allerdings so getan, als hätten wir sie im Griff, und damit ein trügerisches Gefühl einer unerschütterlichen Sicherheit erzeugt. Auf diesen Zusammenhang wies der Bundeskanzler zur Einstimmung auf das "Gedankenjahr" bei einem Symposion im Grazer Kunsthaus hin. Anders als Bruno Kreisky, der durch eine bildhafte Sprache die Menschen zu erreichen versuchte, formulierte Wolfgang Schüssel für den intellektuellen Diskurs. Er rief die Politiker zu Realismus auf:
Sie müssten diese "übermenschlich jesuanisch-chiliastischen messianischen Heilserwartungen" abstreifen.

Einfacher ausgedrückt: Das Paradies auf Erden gibt es nicht und der Staat soll nicht so tun, als könnte er es schaffen. Dann ist, wenn plötzlich eine Katastrophe hereinbricht, das Entsetzen geringer und die Enttäuschung schlägt nicht in Empörung gegen den Staat um, der seine Verheißungen nicht erfüllen konnte.

Das heißt jedoch nicht, dass die Politiker die Hände in den Schoß legen dürfen: Sie müssen die Lehren aus der Katastrophe ziehen, für ein funktionierendes Krisenmanagement sorgen und sich für begangene Fehler entschuldigen. Darin war der Bundespräsident ein Vorbild.

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