"Kleine Zeitung" Kommentar: "Jubiläumsjahr 2005: Schüssel profitiert, die SPÖ lamentiert" (von Stefan Winkler)

Ausgabe vom 10.01.2005

Graz (OTS) - Seit Tagen würgt die SPÖ am Jubiläumsjahr 2005. Die große Oppositionspartei befürchtet, dass die Feiern anlässlich 60 Jahre Republik und 50 Jahre Staatsvertrag zu schwarz-blauen Festspielen umfunktioniert werden.

Diese Sorge ist nicht ganz unbegründet. Indem er 2005 vorsorglich zum "Gedankenjahr" ausrief, gab der Kanzler bereits zu erkennen, dass er nicht auf den publizitätsträchtigen Part des obersten Zeremonienmeisters der Feiern verzichten wird.

Worüber genau er nachzudenken wünscht, ließ Schüssel offen. Man darf aber annehmen, dass er sich kaum darüber den Kopf zerbrechen wird, ob es ein sehr zeitgemäßes Signal ist, dass die ÖVP in ihrem Klub bis heute ein Bild von Kanzler Engelbert Dollfuß hängen hat, der 1933 das Parlament ausschalten ließ, dessen Wiederherstellung 1945 wir heuer gedenken.

Ebenso wenig auf Schüssels Gedankenjahr-Wunschliste dürfte das problematische Verhältnis stehen, das Teile seines Koalitionspartners zur Vergangenheit pflegen. So mancher FPÖ-Politiker betrachtet 1945 ja nach wie vor nicht als das Jahr, in dem Österreich vom Nationalsozialismus befreit wurde, sondern unter das harte Joch der alliierten Besatzer geriet.

Damit ist aber auch schon ein Grundwesenszug von Geschichte angesprochen. Sie entzieht sich jedem Deutungsmonopol. Eben weil sie ein Konstrukt von Menschen der Gegenwart ist, die ihre Ideologien und Weltanschauungen in sie projizieren, wird sie natürlich auch von politischen Interessen geleitet. Geschichte ist also formbar und eignet sich hervorragend zur Manipulation.

Wer wüsste das besser als die SPÖ? Jahrzehntelang versuchte sie den Österreichern weis zu machen, die demokratische Zeitrechnung habe hierzulande überhaupt erst mit Bruno Kreisky eingesetzt. Und als sie im Februar 2000 den Kanzler an die ÖVP verlor, duldete sie es, dass sozialdemokratische Sympathisanten unstatthafte historische Parallelen zur Machtergreifung der Nazis zogen.

War das etwa kein Versuch, Geschichte zu instrumentalisieren? Insofern klingen die Lamenti, der Kanzler solle das Jubiläumsjahr nicht politisch vereinnahmen und neben Leopold Figl und Julius Raab ja nicht auf Bruno Kreisky vergessen, ziemlich scheinheilig.

Letztere Befürchtung ist ohnehin naiv. Jede Wette: Schüssel wird seinen Vorgänger nicht vergessen. Bruno der Große wird im Jubeljahr einen festen Platz erhalten - als unverzichtbarer Teil einer Genealogie großer Staatsmänner nämlich, als deren Krönung sich zeitgerecht vor dem Wahljahr 2006 Wolferl als der Allergrößte abfeiern lassen wird. ****

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