"Die Presse" Glosse: "Europas Mars-Männchen" (von Wolfgang Böhm)

Ausgabe vom 5.1.2004

Wien (OTS) - Ein bisschen weht tut es schon: Wenige Tage, nachdem die europäische Mars-Expedition offensichtlich gescheitert ist, landet ein US-Roboter erfolgreich auf dem roten Planeten. Während die eigenartige Muschelkonstruktion der Europäer, "Beagle 2", unbeweglich hinter irgend einem großen Stein liegt, sendet die amerikanische "Spirit" fröhliche Bilder aus rund 100 Millionen Kilometer Entfernung.
Natürlich ist gerade jetzt jede Kritik am ehrgeizigen europäischen Raumfahrtprogramm billig. Doch leider gibt es auch die beträchtliche Symbolik eines solchen Ereignisses: Auf der einen Seite die Weltmacht USA, die sich nach wissenschaftlichen und außenpolitischen Rückschlägen (Columbia, Irak) wieder gestärkt fühlen kann. Auf der anderen Seite Europa, der Ursprung aller westlichen Kultur, der sich bei gemeinsamen Großprojekten - sowohl in der Politik (EU-Verfassung) wie in der Wissenschaft (Beagle 2) - wieder einmal übernommen hat. Allein ein Vergleich der Projektkosten von "Spirit" und "Beagle 2" ist bezeichnend. Die Nasa investierte 820 Millionen Dollar in ihr Marsprojekt, die ESA lediglich 300 Millionen Euro. Die USA gingen daran, auf dem Planet Wasser zu suchen, die Europäer wollten Hinweise auf Leben.
Selbstverständlich ist das Geld nicht alles, in der Wissenschaft macht es aber oft den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg aus. Der neuerliche Raumfahrt-Sieg der Amerikaner wird Europa für die Zukunft lehren, bei seinen vielen Bestrebungen im wahrsten Sinne des Wortes am Boden der Realität zu bleiben. Auf den Titel einer Weltmacht muss dieser Kontinent angesichts seiner politischen wie seiner wissenschaftlichen Kapazität wohl weiterhin verzichten. Doch zum Glück ist das nicht alles.

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