"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Böhmen am Meer" (Von Michael Sprenger)

Ausgabe vom 3. Jänner 2004

Innsbruck (OTS) - "Liegt Böhmen noch am Meer, glaub ich den Meeren wieder. Und glaub ich noch an's Meer, so hoffe ich auf Land."
Große Gedichte verlieren nie an Zauber, weil sie durch die Kunst der Interpretation immerzu zeitgemäß sind. So kann Ingeborg Bachmanns Gedicht "Böhmen liegt am Meer" als eines gelesen werden, das den Keim des Künftigen längst schon in sich getragen hatte. Jetzt wird die europäische Sehnsucht, welche man im Gedicht erkennen mag, Realität. Am 1. Mai 2004, an dem Tag, an dem zehn neue Staaten der Europäischen Union, großteils frühere sowjetische Satellitenstaaten, beitreten werden, rückt Böhmen tatsächlich ans Meer. Selten verdient ein Datum das Attribut historisch. Doch der 1. Mai ist ohne Übertreibung ein historischer Tag. Mit einem gigantischen Friedensprojekt wurde aus einem verfeindeten Kontinent eine Einheit.
Trotz dieser - geschichtlich betrachtet - unglaublichen politischen Leistung, wird die größte Erweiterung überschattet von einem selbstverschuldeten Ungemach. Am Vorabend dieses besagten historischen Datums, so scheint es, ist der Union ihre eigene Erkenntnis abhanden gekommen. Denn immer weniger - alte und auch neue - Mitglieder des gemeinsamen Hauses sind bereit, ihre nationalstaatlichen Interessen einem europäischen Standpunkt unterzuordnen. Spätestens mit der Eskalation im europäischen Verfassungsstreit und den darauffolgenden Drohgebärden eines exklusiven Kerneuropas wurde klar, was Europa derzeit am meisten fehlt: Europäische Politiker, die in der Lage sind, über den nationalstaatlichen Tellerrand hinauszublicken, und die Idee Europas nicht nur bei vereinzelten Sonntagsreden vertreten, sondern sie auch glauben.
"Wollt ihr nicht böhmisch sein, Illyrer, Veroneser, und Venezianer alle", fragt Bachmann. Es ist zu hoffen, dass die Frage nicht verneint wird. Vielleicht ist es ja ein Glücksfall, wenn ausgerechnet Irland jetzt den EU-Vorsitz übernimmt. Denn keines der Länder profitierte so von der Idee Europa wie das einstige Armenhaus. Irland könnte den Karren wieder flottmachen. Denn ein Haus mit 25 Mitgliedern, welches sich nicht bald auf die Spielregeln des Zusammenlebens einigt, erwartet keine große Zukunft.

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