WirtschaftsBlatt-Kommentar Die Ökonomie der Fenstertage

von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - Abgesehen davon, dass Wiens U-Bahn Menschenpakete auf volkswirtschaftlich sinnvolle Weise über die Grossstadt verteilt, ist sie eine Wetterstation für die Gefühlslage der urbanen Gesellschaft. Wenn es einen Zentimenter schneit, sind die Waggons gesteckt voll mit ökologisch denkenden Fahrgästen, die auf das Auto verzichten, um die Natur zu schonen. Riecht es in der U2 nach Punsch, dann ist Christkindlmarkt auf Rathaus- und Karlsplatz. Riecht es um acht Uhr früh nach warmem Leberkäse, sind gestresste Arbeitnehmer unterwegs, die zu Hause für das Frühstück keine Zeit haben. Erreicht der Lärmpegel hell klingende 80 Dezibel, haben die Schulen Wandertag.

Das alles fällt einem so ein, wenn man allein im Waggon sitzt und die Fahrstunde der Philosphen geniesst: Herrlicher Fenstertag zwischen zwei oder mehreren Feiertagen. Der Silberpfeil schaut beziehungsweise fährt als Ausgeburt eines überdimensionierten Verkehrssystems in die Röhre: Niemand da, oben wahrscheinlich auch nicht. Die Stadt stirbt und die wenigen Jungen sind, wie die Unterrichtministerin treffend bemerkte, auf irgendeiner Party.

Ziellosigkeit fährt nicht U-Bahn. Wohin soll das führen, denkt der Philosoph. Das zurückliegende Jahr war ausgesprochen Fenstertag-freundlich. In das mit Donnerstag-Feiertagen gespickte Frühjahr wurde zusätzlich der Donnerstag, 1. Mai, eingebaut. Mariä Himmelfahrt war am Freitag, sodass spätestens am Donnerstag Mittag Abschlaffung eintrat. Und dann Weihnachten, das zwischen Fest- und Alltag keine Grenzen kannte. Auch am kommenden Montag ist noch immer Weihnachten.

Plötzlich sitzt ein zweiter Fahrgast im Waggon - die Angst fährt mit. Was kommt nach dem 6. Jänner? Zwischen Kagran und Reumannplatz verkündet der neue Taschenkalender das Ende der Einsamkeit mobiler Grossstadtmenschen. Nach Dreikönig kommt bestenfalls der Komet, den Rest kann man sich abschminken. Mariä Himmelfahrt am Sonntag, Christtag am Sonntag, ein boshafter Arbeitstag am 29. Februar, einzig der Nationalfeiertag schafft etwas Luft.

Die Wirtschaftsforscher sagen, das sei gut für das Brutto-Inlandsprodukt. Na und? Hat jemand auf seinem Lohnzettel jemals eine Netto-Zulage namens BIP entdeckt?

2004 ist das Jahr der Einarbeitung der voll bezahlten Fenstertage von 2003. Falls die Philosophen streiken, wird es niemand merken. Die U-Bahn wird mangels Fenstertagen überdurchschnittlich gut ausgelastet sein.

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