"Die Presse" Leitartikel: "Viel Lärm um einen unbedeutenden Job" (von Andreas Unterberger)

Ausgabe vom 3.1.2004

Wien (OTS) - Er ist zwar der unwichtigste der vielen Wahlgänge,
die uns heuer ins Haus stehen. Dennoch bewegt er die innenpolitische Szene am meisten - weil er sich so leicht personalisieren lässt. Seit Wochen bemühen sich Rot und Schwarz, die Kür ihres Kandidaten für das protokollarisch höchste Amt im Staat zu einer geheimnisumwitterten zu machen. Die Spannung blieb endenwollend.
Die SPÖ präsentiert uns nun endlich Heinz Fischer auch offiziell, die ÖVP wird das selbe in Kürze mit Benita Ferrero-Waldner tun. Ansonsten ist höchstens mit Spaßkandidaten der Kategorie Lugner&Co zu rechnen. Blau wie Grün ist der Wahlkampf um eine Nichtigkeit zu teuer - haben sie doch nur Chancen auf Achtungserfolge.
Also Fischer vs. Ferrero. Die beiden teilen nicht nur das Initial. Beide stehen auch inhaltlich für Ähnliches, das sich als würdevolle Langeweile zusammenfassen lässt.
Die elektrisierende Aufbruchsstimmung, die vor zwölf Jahren der brillante Diplomat Thomas Klestil und seine faszinierende Aufholjagd erzeugt haben, wird nicht entstehen.
Dazu ist das Amt zu sehr entzaubert. Zu deutlich waren Klestils später sichtbar gewordenen charakterlichen Defizite (Stichworte:
Umgang mit Mitarbeitern, Eitel- und Ehrlichkeit). Zu sehr waren er wie auch Kurt Waldheim (aus unterschiedlichen Gründen) mit der eigenen Person beschäftigt, als dass man glauben könnte, ein Bundespräsident werde jemals auch dem Lande nutzen. Auch die Perioden davor waren keine Werbung für den Beruf HBP: Etwa Franz Jonas mit seiner peinlichen Schlichtheit oder Rudolf Kirchschläger mit seinen regelmäßigen, aber wirkungslosen Predigten gegen saure Wiesen. Dass mehr Klugheit Klestils die Sanktionen verhindert hätte, ist irrelevant geworden, weil die hysterischen Reaktionen auf Schwarz-Blau längst Geschichte sind.
Daher ist die Debatte durchaus legitim: Wozu braucht Österreich überhaupt diese teure und Vieles Blockierende lähmende Wahl? Deutschland wie Italien kommen ohne Volkswahl aus (wie natürlich auch die vielen westlichen Monarchien); die Schweiz wie die USA haben mit gar nicht so schlechten Ergebnissen auf die Trennung von Staats- und Regierungschef verzichtet.
Und F&F? Beide werden uns mit ihrem Privatleben zwar keine Soap opera im Stile Klestils spielen. Beiden scheinen aber auch Mut und Persönlichkeit zu fehlen, um den Österreichern manche Notwendigkeiten hineinzusagen.
Dazu sind beide zu sehr von ihren Über-Ichs geprägt. Für den routinierten Apparatschik Heinz Fischer war das immer die Partei, der er alles zu verdanken hat. Für die Höhere Tochter Benita Ferrero-Waldner war das im letzten Jahrzehnt Wolfgang Schüssel, gegen den sie nicht einmal in Gedanken aufbegehrte. Die einzigen Unterschiede liegen im Geschlecht - erstmals hat eine Frau Chance auf den hymnenträchtigen Job -, in der breiteren Berufserfahrung Ferreros und in ihrer auffallenden Nervosität, die sie nicht wirklich als krisenfest erscheinen lässt. Fischer wird aber vor allem wegen der Gleichgewichtssehnsucht der Wechselwähler die Mehrheit erringen. Dennoch sind Überraschungen immer möglich. Wie sie etwa ausgerechnet Klestil zum Beginn seines letzten Jahres setzte. Nach fast zehn Jahren, in denen seine Statements von Ressentiments gegen seine Expartei und von billigem Opportunismus geprägt waren, wagt er -freilich gleich wieder populistisch abgeschwächt durch das Verlangen nach einem Referendum - wieder Kantiges zu sagen: nämlich dass Österreich in einer gemeinsamen europäischen Sicherheitspolitik nicht nur alle Rechte, sondern auch "alle Pflichten" mitzutragen haben wird. Mit anderen Worten, dass dort kein Platz mehr für das beliebte heimische Schlawinertum in Sachen Neutralität sein kann.
Die SPÖ freilich versucht gerade diese Eigenschaft zum "Sküs" Heinz Fischers im Präsidententarock zu machen. Wie schon einst für Rudolf Streicher . . .

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