"Kleine Zeitung" Kommentar: "Warum selbst Eichel immer noch mit der D-Mark rechnet" (Von Rainer Strunz)

Ausgabe vom 2.1.2004

Graz (OTS) - Wer es - wie wir Österreicher - mit dem Euro schwer hat, hat's leicht.

Etliche Umfragen gehen praktisch spurlos an einem vorüber: So bewegt den Autor dieser Zeilen die Frage nach dem schönsten österreichischen Finanzminister ungefähr ebenso wie ein Kaufkraftvergleich in Patagonien.

Es geht aber auch anders. Manche Umfragen nisten sich in den Abgründen des Gedächnisses geradezu hartnäckig ein. Zu dieser Spezies zählt das Euro-Barometer, mit dem Brüssel in der Euro-Zone auslotet, wie stark die Gemeinschaftswährung in den Hinterköpfen der Bürger verankert ist. Jüngsten Ergebnissen zufolge rechnen schon 69 Prozent aller Österreicher mehr in Euro als in Schilling, ein hervorragender Wert, der nur jüngere Jahrgänge nicht irritiert. Wer schon seit zwei Jahren Taschengeld in Euro bekommen hat, für den ist alles kein Problem, der Rest hingegen staunt. Und ärgert sich über die "blöde" Umfrage, derzufolge er zu jener Minderheit zählt, die weiter am Schilling als Richtgröße festhält. Aus schierer Dummheit?

Schon aus Selbstschutz muss man behaupten, wohl kaum. Denn abseits aller Intelligenz, haben Gedächnispsychologen der Fachhochschule in Frankfurt festgestellt, werden Geld, Preise, aber auch die Motorleistung von Autos (Kilowatt oder doch noch lieber PS?) im Großhirn sozusagen skaliert. Das heißt, im Kopf werden unbewusst Beziehungen hergestellt, um ihnen eine für uns nachvollziehbare Größenordnung zu geben.

Ein Beispiel gefällig: Der Anblick eines Preisschildes "Eine Eiskugel 10 Schilling" wird mit unserer Skala im Kopf abgeglichen und löst schlussendlich eine Empfindung aus. Die bei Überschreiten bestimmter Erwartungen zu Ärger oder Wut führen kann. Aber was lösen 73 Cent aus? Auch Ärger, aber erst nach dem Umrechnen.

Tun lässt sich gegen die "Euro-Schwäche" wenig, haben Experten herausgefunden, außer fleißig umrechnen. Das hat Österreich übrigens - bei dem Euro-Kurs von 13,7603 kein Wunder - auch einen Spitzenplatz im Euro-Barometer gebracht, während sich Deutsche mit dem leichtesten aller Euro-Kurse nach wie vor nicht von der D-Markt trennen können.

Noch ein Beispiel gefällig? Der deutsche Finanzminister Hans Eichel, der den Euro ja eigentlich intus haben sollte, hat erst Anfang Dezember bei einer Talkshow in D-Mark gerechnet und damit seine Staatsschulden verdoppelt. Zum Gaudium der Zuschauer und zur Beruhigung all jener, die für den Aufbau einer neuen Euro-Werteskala wohl noch einige Zeit brauchen werden. Wie etwa der Autor, für den manche Umfragen einfach zum Vergessen sind. ****

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