"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Volkes Bischof" (Von Peter Nindler)

Ausgabe vom 9. Jänner 2003

Innsbruck (OTS) - Das Warten auf einen neuen Innsbrucker Diözesanbischof beginnt ab 20. Jänner. Dass die Ortskirche vielleicht dieses Mal Gehör im vatikanischen Entscheidungsprozess findet, darf bezweifelt werden. Die jüngsten Ernennungen geben keinen Anlass für übetriebene Hoffnungen. So ist Alois Kothgasser als Erzbischof zwar ein Glücksfall für Salzburg, die Vorschläge der Ortskirche wurden aber schlichtweg ignoriert.
Altbischof Reinhold Stecher drohte seinerzeit sogar damit, sein Amt vorzeitig niederzulegen, sollten die Wünsche der Ortskirche bei seiner Nachfolge sträflich missachtet werden. Seit dieser Drohung sind sechs Jahre vergangen, in denen Rom bei Bischofsernennungen stets Ignoranz gepredigt hat. Darum geht es - nicht um profanen Tirol-Chauvinismus, den man engagierten Katholiken im Land des Kirchenvolksbegehrens gerne unterschwellig vorwirft.
Die Erklärung für die notwendige Mitsprache in den Diözesen ist relativ einfach. Schließlich sind sie das Fundament, auf denen der Vatikan seine Weltkirche baut und seine Legitimation bezieht. Durch nicht nachvollziehbare Entscheidungen Roms erhielt die Kirchenbasis zusehends Risse. So muss Erzbischof Kothgasser vorerst einmal die Gläubigen in Salzburg wieder einen, die sein Vorgänger Georg Eder auseinanderdividiert hat.
Ein Bischof ist mehr als ein Filialleiter Roms, die Ortskirche mehr als der hiesige Klerus: Seelsorge funktioniert heute nur noch, wenn Laien und Priester eng zusammenarbeiten. Dass Frauen einen wesentlichen Anteil dazu beitragen, ist Rom ohnehin fremd. Aus der Symbiose von engagierten Katholiken, Kirchenfrauen und -männern ergibt sich jedoch die Gemeinschaft der Ortskirche. Wird sie übergangen, brüskiert der Vatikan auch ihre Arbeit im Dienste der Kirche.
Ohne ihre Mitarbeit könnte der Papst, mit Verlaub, die Kirchentüren aber zusperren und die Seelsorge mangels Priesternachwuchs einstellen.

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