"Die Wahl Silvas ist Frucht der Befreiungstheologie."

Interview mit dem gebürtigen Österreicher und brasilianischen Bischof Richard Weberberger

Linz (OTS) - RICHARD WEBERBERGER (63), Pater des Stiftes Kremsmünster und Bischof der brasilianischen Diözese Barreiras, traf Anfang Dezember im Rahmen des ad-limina-Besuchs Papst Johannes Paul II. in Rom. Anschließend verbrachte der gebürtige Gaspoltshofner Weihnachten in seinem Heimatstift Kremsmünster. JOSEF ERTL sprach mit ihm über die Lage in Brasilien.

Luis Inacio da Silva, genannt Lula, hat die Präsidentschaftswahlen gewonnen. Mit ihm wurde erstmals ein Vertreter der Arbeiterpartei an die Spitze gewählt. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Befreiungstheologie und Lulas Wahlsieg?

Man muss die Lage in Brasilien vergleichen mit jener von Argentinien, Venezuela, Ecuador, Kolumbien, Zentralamerika, etc. In diesen Ländern ist die Situation prekär. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch. Warum ist in Brasilien ein geordneter Übergang und eine politische Alternative möglich gewesen? Ende der 70er Jahre, wie man begonnen hat, die Militärdiktatur zu überwinden, wurde eine linke Arbeiterpartei als Alternative aufgebaut. Die Menschen suchten Zuflucht bei der Kirche vor den Repressionen der Militärdiktatur. Die Kirche blieb als einzige unabhängige Institution übrig. Die Arbeiterpartei war aber nicht dem dogmatischen Sozialismus verpflichtet, sondern eher der katholischen Soziallehre, wie sie in der Befreiungstheologie aufgezeigt worden ist. Die Befreiungstheologie war für die Leute das ideologische Fundament für den Aufbau einer politischen Partei und sozialer Bewegungen. Die Arbeiterpartei, der Gewerkschaftsbund, die Bewegung der Landlosen sind gewachsen.

Die Befreiungstheologie gab es aber auch in anderen lateinamerikanischen Staaten.

In Brasilien gab es damals in der Leitung der Bischofskonferenz Bischöfe, angefangen von Dom Helder Camara bis zu den Vettern Dom Ivo Lorscheider und Kardinal Alosio Lorscheider, die die politischen Bewegungen nicht als kommunistisch verteufelt und als subversiv hingestellt haben, sondern sie haben sie unter einem gewissen Schutz der Kirche wachsen lassen, ohne aber dass die Kirche die Bewegungen für sich vereinnahmt oder instrumentalisiert hat. Sie hat keine kirchliche Bewegung daraus gemacht. Die Befreiungstheologie und die Führer der Kirche haben diese wohlwollend begleitet und die Christen, die da engagiert waren, ermutigt weiterzutun. Deswegen konnte sich diese politische und soziale Bewegung entwickeln bis zum Punkt, dass jetzt Lula zum Präsident gewählt worden ist. Die Wahl Lulas ist ein historisches Verdienst der Kirche.

Diese Bewegungen sind nicht ins kommunistische Eck abgedrängt worden.

Sie sind nicht ins subversive Eck abgedrängt worden, sondern die Kirche hat diese Leute gefördert und geschützt. Wir haben die Christen ermutigt, sie sollen sich da einsetzen, sie sollen da mitarbeiten. Die Befreiungstheologie gab ihnen die Ideologie, dass sich diese Partei entwickeln konnte.

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