Telenovela und Wirklichkeit

Von Thomas Vieregge

Wien (OTS) - Unterm Zuckerhut herrschte Enthusiasmus, an der Copacabana regierte der Samba. Hupkonzerte erfüllten die Straßen, Rio de Janeiro versank in ein Meer aus Gelb und Grün, Brasiliens Nationalfarben. Mit Pomp und Gloria zelebrieren die Brasilianer ihre Feste - ob nach dem Triumph bei der Fußball-WM, im Karneval oder zu Silvester. Und wenn der Jahreswechsel mit der Amtseinführung eines Präsidenten zusammenfällt, schwappt die Euphorie vollends über. Erst recht, wenn sich die Karriere der neuen Galionsfigur Lula wie von einem Drehbuchautor für eine Telenovela ersonnen liest, eine rührselige Schmonzette brasilianischer Machart: ein Schlosser ohne abgeschlossene Schulbildung, der sich in seiner Kindheit als Straßenhändler verdingt hat, krönt seinen zähen Aufstieg mit dem Einzug in den Präsidentenpalast - ein lateinamerikanischer Lech Walesa. Da vergoß nicht nur Lula so manche Träne, sondern mit ihm ein ganzes Volk. Und daß der weltbekannte Musiker Gilberto Gil zum Kulturminister berufen wurde, symbolisiert die Jubelstimmung.
Doch die Mentalität der Brasilianer schwankt zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Nach den Feiern legt sich nur allzu oft Lethargie übers Land. In der Wirtschaftskapitale Sao Paolo dominiert denn auch geschäftsmäßige Nüchternheit, die Börse _ ein unbestechliches Barometer - reagierte mit vorsichtiger Skepsis auf Lulas Start.
Von den Armen als Heilsbringer verehrt, von den Industriekapitänen anfangs belächelt hat der frühere linke Gewerkschaftsboß aber einen erstaunlichen Wandel hin zu einem modernen Sozialdemokraten vollzogen. Den radikalen Phrasen seiner wilden Jahre hat er glaubhaft abgeschworen. Wie zur Bestätigung hat er Technokraten und Wirtschaftsbosse in sein Kabinett aufgenommen und versichert, die moderaten Linie seines Vorgängers Cardoso, eines angesehenen Soziologieprofessors, weiterzuführen. Es wird ihm auch nicht viel anderes übrigbleiben als rigide Sparpolitik: die Realpolitik, die überbordende Schuldenlast, Inflation und die Verpflichtungen gegenüber dem Währungsfonds legen seinen Visionen Zügel auf. Von der fabrizierten Illusion der Telenovelas weicht die Wirklichkeit eben drastisch ab.
Die Alternativen verheißen nur soziale Unruhe und Chaos, wie ein Blick in die krisengeschüttelte Nachbarschaft zeigt. Argentinien steckt tief in der Depression, Venezuela steuert geradewegs auf einen Bürgerkrieg zu. Weder die Regierungsform des Durchwurstelns noch der Autokratie haben sich als Erfolgsweg aus dem Schlamassel erwiesen. Der schale Lockruf des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez, zusammen mit Kubas Fidel Castro eine "Achse des Guten" zu schmieden, klingt darum wie eine gefährliche Anbiederung.
Bisher ist Brasilien von der in Südamerika grassierenden Epidemie der Rezession und Instabilität weitgehend verschont geblieben. Damit Brasilien nicht ein ähnliches Schicksal wie seinen Nachbarn blüht, bedarf es weiterhin eines heiklen Spagats, wie er schon als Parole in der Flagge angelegt ist: ordo e progresso - Ordnung und Fortschritt. Zum einen ist der Reformdruck hoch, zum anderen ist auch die Erwartungshaltung hochgeschraubt. Die Vorhaben sind kühn, doch das Geld ist knapp. Und mit einer Minderheit im Parlament ist das nicht zu bewerkstelligen.
Nur eine breite Allianz aus allen gesellschaftlichen Schichten, weiß Lula um seine Herausforderung, kann das Schwellenland, in dem die Erste und die Dritte Welt eine Parallelexistenz führen, aus Lateinamerikas Misere herauskatapultieren. Der Kontinent bangt, ob die Wirtschaftslokomotive anspringt und damit auch andere Länder mitzieht. Die Hoffnung konzentriert sich auf den Heizer - Lula, der Ex-Arbeiterführer, muß die Ärmel aufkrempeln.

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